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Faktencheck GL2


»Das alte will ich…« – Der Zweiteindruck des neuen »Gotteslob«

von Andrea Nell


Einleitung

Die gutmütige Frau Nimptsch – alt und gebrechlich geworden – liegt im Sterben. »›Lene, Kind‹, sagt sie zu ihrer Tochter, ›ich liege nicht hoch genug. Du mußt mir noch das Gesangbuch unterlegen.‹ Lene widersprach nicht, ging vielmehr und holte das Gesangbuch. Als sie's aber brachte, sagte die Alte: ›Nein, nich das, das ist das neue. Das alte will ich, das dicke mit den zwei Klappen.‹ Und erst als Lene mit dem dicken Gesangbuche wieder da war, fuhr die Alte fort: ›Das hab' ich meiner Mutter selig auch holen müssen und war noch ein halbes Kind damals und meine Mutter noch keine fuffzig und saß ihr auch hier und konnte keine Luft kriegen, und die großen Angstaugen kuckten mich immer so an. Als ich ihr aber das Porst'sche, das sie bei der Einsegnung gehabt, unterschob, da wurde sie ganz still und ist ruhig eingeschlafen. Und das möcht' ich auch. Ach, Lene. Der Tod ist es nich... Aber das Sterben... So, so. Ah, das hilft.‹« (1)

Das Tragende, auf dem die Todgeweihte in Fontanes Roman getrost ruhen kann, bedingt sich nicht durch die meßbare Größe eines beliebigen, handfesten Druckerzeugnisses. Das Fundament, das dem Leben Richtung gab und selbst den Stunden des Abbruchs eine gewisse Erträglichkeit verleiht, ist die lebendige und gelebte Tradition. Das buchstäblich ans Herz gewachsene, alte Gebetbuch zeugt – das Verhalten der Mutter imitierend und nachempfindend – von einer innigen Beziehung zum Jenseitig-Göttlichen, deren Beständigkeit sich genau in diesem nun nicht mehr schreckenden Moment erweist. »Alt« steht hier nicht als Synonym für »überholt«, »abgenutzt« oder »unmodern«, sondern für »vertraut«, »geschätzt« und »zu Eigen gemacht«. Ein in verschiedenen Auflagen weit über 100jähriges Gesangbuch, das selbst meist weniger Betuchte im äußeren Ausdruck seines ideellen Wertes im Ganzledereinband mit Goldprägung in Form eines reich verzierten Kreuzes besaßen, wird zur geistigen Heimat. Der Umgang mit ihm wird zum Glaubenszeugnis für alle Miterlebenden.

Einziges Problem: Der Zeitgeist beurteilt diesen Schatz aus Mutterhand als verstaubt und unzeitgemäß. Schließlich ist das Lebensgefühl der Gegenwart ein weiterentwickeltes, und sind im Fortschritt der Erkenntnis viele aktuelle Dichtungen und Kompositionen entstanden, die ausdrücken, was der aufgeklärte Mensch zu denken und zu empfinden geleitet werden soll.

Jedoch fehlt der empfohlenen oder verordneten Alternative die Dimension der geistigen Beheimatung, weshalb dem modernen »Neuen« die Annahme – auch bloß in der Funktion einer physisch aufrichtenden Unterlage – strikt verweigert wird.


Der Entstehungsprozeß


Heute weiß man um die Bedeutung einer lebendigen Tradition. Bischof Dr. Friedhelm Hofmann, Vorsitzender der Unterkommission »Gemeinsames Gebet- und Gesangbuch« der Deutschen Bischofskonferenz sagte in diesem Zusammenhang: »Unser persönlicher Glaube lebt nicht nur aus den jeweils eigenen Erfahrungen eines Menschen, sondern wesentlich auch aus unserer christlichen Tradition. Gebete und Gesänge anderer Generationen sind Glaubenszeugnisse der jeweiligen Zeiten, die uns in unserem Glaubensleben unterstützen und unseren persönlichen Glauben stärken.« (2)

Man darf davon ausgehen, daß sich die Beteiligten in dieser Perspektive der Kompliziertheit der Aufgabe bewußt waren, als die Bischofskonferenzen in Deutschland und Österreich im November 2001 den formalen Beschluß zur Neupublikation des »Gotteslob« faßten: Nicht eine Revision, sondern ein völlig neu konzipiertes Gebet- und Gesangbuch mit einer inhaltlichen Ausrichtung, die der Tradition verpflichtet ist, die neu entstandene Kompositionen und Texte sorgfältig ausgewählt integriert, die die momentane Glaubenssituation der Menschen katechetisch im Blick hat und die durch spirituelle Impulse familiäres Gebetsleben zu erwecken oder wiederzubeleben imstande ist, wo keine häusliche, religiöse Praxis anzutreffen ist. So lassen sich die Ansprüche, die auf dem Pressegespräch im Rahmen der Frühjahrskonferenz der deutschen Bischöfe im Februar 2013 in Trier durch Bischof Dr. F. Hofmann formuliert wurden (3), an das schon im Druck befindliche Werk zusammenfassen.

Gleichzeitig muß das neue Gotteslob (künftig vereinfacht: GL 2) die zentrale Forderung umsetzen, die mit dem alten Gotteslob (künftig vereinfacht: GL 1) als eingelöst galt: »Mit ›Gotteslob‹ [1] wird der Anspruch des Konzils, daß im Gottesdienst jeder seine Aufgabe übernehmen soll, erfüllbar. Neben dem Meßbuch für den Priester, dem Lektionar für den Lektor und dem Kantorenbuch für den Vorsänger erhält die Gemeinde ihr ›Rollenbuch‹.« (4)

Bei annähernd 50jähriger Erfahrung im Erleben und Gestalten erneuerter Liturgie und fast 40jähriger Erprobungszeit eines dazugehörigen Gebet- und Gesangbuches sollte diese Aufgabe eine zu lösende sein.


Das Miteinander von Gebeten, Erläuterungen und Liedern – Schwerpunkt Taufe

 
Der Begriff der Tradition ist ein sehr vielschichtiger. Bezüglich der musikalischen Neukonzeption des GL wird er aufgefaßt als ein Zurückgreifen auf dasjenige ältere Liedgut, das von einer breiten Basis des Kirchenvolkes regelmäßig innerhalb und außerhalb der Liturgie gepflegt wird. Die Website www.mein-gotteslob.de, verantwortet von der St. Benno Buch- und Zeitschriftenverlagsgesellschaft mbH, beschreibt die Vorgehensweise folgendermaßen: »Um Informationen zur Akzeptanz von Inhalten und die Wünsche der Pfarrgemeinden zu bekommen [sic!] führte die Kommission im Jahr 2003 eine Akzeptanzerhebung zum derzeitigen Gotteslob durch mit ca. 2.000 Rückläufen. Die Auswertungen dieser Rückläufe bildeten schließlich die Hauptgrundlage zur Erstellung des neuen Buches.« (5) Für die statistische Auswertung der Evaluierungsbögen verantwortlich war das Deutsche Liturgische Institut in Trier, das die Ergebnisse öffentlich zugänglich machte unter: www.liturgie.de (6). In einem Punkt zusammengefaßt bescheinigte die Erhebung GL 1 eine breite Akzeptanz, was die landesweite Praxis schon vorher hatte erahnen lassen, einige Experten aber dennoch erstaunte: Diese »Ergebnisse der Erhebung der ›Stimme des Volkes‹ war [sic!] für die Fachleute nicht frei von Überraschungen, sie hat [sic!] jedenfalls sehr geholfen, getrost auf Altes zu verzichten und ›kundenorientiert‹ sich an neue, gewünschte Inhalte zu wagen« (7), so Franz Karl Praßl, Professor für Gregorianik an der Kunstuniversität Graz und an der Päpstlichen Musikhochschule in Rom, als Berater in der »Unterkommission GGB« der Deutschen Bischofskonferenz tätig.

Größtes Überraschungsmoment bei der Feststellung der Beliebtheit traditioneller Gesänge in der Rubrik der älteren, vermißten Lieder in GL 1 war die Spitzenposition des Marienliedes »Segne du, Maria«: (8)

Es ist anzunehmen, daß an zweiter Stelle der Tabelle »Erde singe, daß es klinge« gemeint ist.

Frei nach Erich Kästner: Der Fachmann wundert sich. Da staunt der Laie..., weil er vor allem bei Wallfahrten in Orte der Marienverehrung im deutschen Sprachraum dieses Lied in allerlei Pilgergruppen mit oder ohne Gesangbuch innig pflegt und so seine Geneigtheit zu diesem altbewährten hörbar macht.

Die versprochene »Kundenorientierung« vermißt dagegen sicherlich die Mehrheit der Gläubigen beim intensiveren Blick auf obige Auflistung: Platz 5 »Fest soll mein Taufbund« wurde mit einem Vorsprung vor dem Nächstplazierten von fast 50 Nennungen entgegen der Aussage, daß die »Auswertungen dieser Rückläufe [...] schließlich die Hauptgrundlage zur Erstellung des neuen Buches« (9) bildeten, nicht in den Stammteil von GL 2 aufgenommen – als einziger Titel unter den »Top seven«: das gängige und beliebte Lied festlichen Charakters zum Bekenntnis der einen »Taufe zur Vergebung der Sünden« (10), zur wichtigsten Grundlage des Christseins.

Dabei hatte die Auswertung der Evaluierungsbögen gerade im Bereich der Tauf- und Taufgedächtnislieder die größte Lücke in GL 1 festgestellt: 600 von 1444 ausgefüllten Bögen gaben den Wunsch nach einer größeren Vielfalt an (11). Selbst wenn diverse, regional differierende Versionen des Liedes kursieren, muß die Kirche, vertreten durch die Deutsche Bischofskonferenz, als Glaubenslehrerin in dieser fundamentalen Thematik, fußend auf dem nachgewiesenen Verlangen der Gläubigen, ihrem Auftrag »heiligen«, »lehren«, »leiten« (12) gerecht werden und eine gemeinsame textliche und melodische Form festlegen, die allen Katholiken im deutschen Sprachraum zum wesentlichen, verbindenden Element eines gesungenen Taufbekenntnisses wird. Statt dessen muß sich das Gottesvolk mit einem einzigen Lied begnügen, daß der Einordnung in die Kategorie »Taufe« wirklich genügt: GL 2, Nr. 491 »Ich bin getauft und Gott geweiht«. Textlich hervorragend vermag die Melodie allerdings keinesfalls die emotionale Emphase der zu Herzen gehenden, hymnenartigen Vertonung seines überall bekannten Pendants zu erreichen. Alle übrigen Lieder der Rubrik »Taufe« (13) sind mehr oder weniger weit entfernt von Wesen und Bedeutung des darin besungenen Sakramentes.

Der aufgezeigten Linie entsprechend bleibt GL 2 ebenso blaß und unvollständig bei der theoretisch-theologischen Erläuterung zum Sakrament der Taufe. An zwei Stellen getrennt finden sich als Informationen folgende zwei Sätze: »Durch die Taufe werden die Menschen aus dem Wasser und dem Heiligen Geist als Kinder Gottes neu geboren« (14); und: »Durch die Taufe werden wir in die Sünden vergebende und Leben spendende Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott aufgenommen und damit in die Gemeinschaft der Kirche als Volk Gottes eingegliedert.« (15) 

Dazu der Würzburger Diakon und Co-Autor des GL 2 Winfried Vogel im Interview, über das auf der Website der WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) berichtet wird: »Dabei haben wir auf eine sehr einfache und verständliche Sprache geachtet [...].« Weiter ist dort im Bericht über seine Aussagen zu lesen: »Früher haben die Gläubigen quasi wissenschaftlich-sakramental-theologische Abhandlungen vorgesetzt bekommen, und diese auch akzeptiert.« Heute gäben sich die Leute damit aber nicht mehr zufrieden: »Sie fragen nach, fordern Erklärungen. Diese wollen wir nun liefern.« (16) 

Weil »die Gläubigen« mit den vormals akzeptierten »Abhandlungen« nicht mehr einverstanden sind, wird die theologische Bedeutung der Taufe auf ein dem Durchschnittskatholiken zumutbares Maß an Tiefgang reduziert und verharmlost. Die lebenswichtige, persönliche Glaubensentscheidung, die es im Taufgedächtnis immer wieder zu erneuern gilt – das Sterben und Auferstehen des einzelnen in Christus – wird aufgeweicht durch ein Eintauchen in die große »Gemeinschaft der Kirche als Volk Gottes«; die anonyme Masse eines undifferenzierten »Wir«. Die allgemeine Bezeichnung »Die Menschen« betrachtet eine Gruppe aus äußerer wie innerer Distanz. In Wahrheit geht es aber um die von Gott individuell Beim-Namen-Gerufenen, die Er durch die Reinigung von der Sündenschuld im Bad der Taufe in Seine Kirche eingliedert mit dem Ziel zur Erlösung in die Ewigkeit. Zur Teilhabe am Erlösungswerk, am Leib Christi, gibt der Bekennende sein »Ja« und durch ein vielstimmiges »Credo – ich glaube« entsteht eine Gemeinschaft, in der sich jede einzelne Person Gott gegenüber alleinverantwortlich weiß.

Diese Kritik wird auch deutlich beim »Taufgedächtnis« (17) unter Punkt 3 beim »Gesang zum Taufgedächtnis«, wofür das Lied »Gott ruft sein Volk zusammen« (GL 2, Nr. 477) vorgeschlagen ist, das gar nicht in der Rubrik »Taufe«, sondern im Abschnitt »Kirche – Ökumene« (wo es auch hingehört) zu finden ist. Inhaltlich wird nur auf das Eingegliedert-Sein der »Schwestern und Brüder« als »des Herrn Gemeinde«, als »Glieder in Christus, unserm Herrn« abgehoben, aber die Bedeutung des Sakramentes für den Getauften selbst gänzlich außer Acht gelassen.

Wer noch eingehender auf den Ritus zur »Erneuerung des Taufversprechens« (18) in der Osternacht schaut, findet hier als Gesangsvorschlag oben erwähntes, lobenswertes Lied »Ich bin getauft und Gott geweiht« mit der angefügten Bemerkung »oder ein anderes geeignetes Tauflied« (19), für das er dann auf einen gut aufgestellten Diözesananhang hoffen muß.

Qualifiziert und reichlich werden unter »Anlässe« (20) Vorschläge zur Plazierung und Gestaltung des Taufgedächtnisses in diversen Formen von Liturgie und im persönlichen Rahmen gegeben. Der zuletzt angeführte Hinweis, den man Christen jedweden Alters immer wieder ans Herz legen muß: »ein Dankgebet für die Taufe«, könnte leicht praktische Umsetzung erfahren, indem ein solches, schön formuliert, in GL 2 aufgenommen worden wäre. Das sucht man leider vergebens. Der Grund, warum das auf das Wesentliche konzentrierte und konzeptionell ausgereifte Gebet aus GL 1 (Nr. 50, 2) (21) nicht – ob »geschlechtergerecht« umformuliert oder nicht – in GL 2 übernommen wurde, wird wohl leider wie so vieles ein Geheimnis des Entstehungsprozesses bleiben. Schon deshalb ist es aber durchaus empfehlenswert, GL 1 in Anbetracht wiederkehrender Namenstage und persönlicher Taufjubiläen nicht der Altpapierverwertung zuzuführen.

Wie wunderbar kraftvoll, eindeutig und verständlich beschrieb doch GL 1 noch Wesen und Wirkung der Taufe: »Es genügt nicht, im Herzen zu glauben; wir müssen getauft werden. [...] In der Taufe stirbt der Mensch mit Christus. Er wird mit ihm begraben und mit ihm auferweckt. Eingegliedert in Christus, ist er nicht mehr im Machtbereich der Erbsünde und des Todes, sondern in der Liebe Gottes. Er erhält durch die Taufe Vergebung aller Schuld, er empfängt das neue Leben, der Heilige Geist nimmt Wohnung in ihm. [...] In [das] eine Volk Gottes, in diesen allumfassenden Leib des Herrn, werden wir durch die Taufe eingegliedert. Die Taufe ordnet uns auf die übrigen Sakramente hin [...].« (22) 

Wer hierin eine »wissenschaftlich-sakramental-theologische Abhandlung« – wie Diakon W. Vogel es nennt – erkennt, die für Katholiken und solche, die es (wieder) werden wollen, nicht verständlich sei, muß sich nach seiner Meinung über das Niveau der Leserschaft fragen lassen.


Stilistik und Fehler


Die gesamte vorgenommene Liedauswahl im Stammteil von GL 2 im Überblick einzuschätzen ist schwierig und in diesem Rahmen nicht zu leisten.

Ein Blick auf die Auswertung der Akzeptanzerhebung zeigt aber als einen interessanten Gesichtspunkt, daß in der Rubrik »Gesänge aus den letzten Jahrzehnten« (23) von 20 aufgeführten 14 in den Stammteil von GL 2 aufgenommen – und damit fast ¾ der Wünsche erfüllt – wurden, während in der Kategorie der in GL 1 vermißten »älteren Lieder« (24) nur ganze 8 von 20 Nennungen – und damit gerade einmal 40% – Eingang in GL 2 gefunden haben. So entgeht die verantwortliche Kommission der Gefahr des Vorwurfs einer traditionalistischen Haltung und überläßt es den zuständigen Diözesankonferenzen, sich dem »konservativen Stallgeruch« auszusetzen oder nicht.

Ein zu beleuchtender Aspekt bezüglich der Liedauswahl im Stammteil von GL 2 ist aber die Aufnahme derjenigen neueren Gesänge, die bis jetzt höchstens in einzelnen Regionen bekannt waren, aber nicht in Listen gewünschter Gesänge zu finden sind. Sie unterliegen nicht dem Stimmungsbarometer der »Akzeptanz durch die Gemeinden« (25), sondern den allgemeinen »Auswahlkriterien für die Aufnahme in das neue Gotteslob« (26), die beschrieben werden als »die Qualität von Text und Musik« und »die Übereinstimmung mit dem Glauben der Kirche« (27).

Dies berücksichtigend ist zu fragen, wie z. B. GL 2 274 »Und suchst du meine Sünde« (28) die Meßlatte des Qualitätsanspruches überwinden konnte. Textlich wie musikalisch sich im Kreis drehend läßt es den Sänger bestenfalls schwindelig, aber nicht auf die göttliche Mitte ausgerichtet, zurück. Kein Organist darf es dem Gottesdienstteilnehmer verübeln, der ihn nach der Liturgie zum Üben der neuen Stücke auffordert, weil es in seiner fremdartigen Tonalität klang, als hätte er sich mehrfach verspielt.

Sätze oder gar ganze Texte mit »und« zu beginnen, wird bereits im Grundschulalter zu vermeiden gelehrt. Eine zumindest kleine Aufwertung des Textanfanges wäre die Anrede »Herr« statt des stilistisch schlechten »und« gewesen, das wenigstens die Hoffnung auf Verständnis des nachfolgenden »Hin und Hin« aufrechterhalten hätte. Neben diesem Beispiel ließen sich noch einige weitere in ebenso minderer Qualität auflisten.

Ähnliches gilt auch für neu erdachte Kurzformen: Grammatikalische Grundregeln werden im Text von Antiphon GL 2 - 47, 1 (»In den Tagen des Herrn sollen Gerechtigkeit blühen und Fülle des Friedens.«) großzügig umgangen: Das infinite Verb »blühen« gehört regelkonform hinter das Subjekt, das in diesem Fall ein zweiteilig zusammengesetztes ist aus »Gerechtigkeit und Fülle des Friedens«. Deutlicher – gleicher Satzbau mit neuem Vokabular gefüllt – kann man sagen: Am Tag des Herrn gehen Oskar spazieren und ich.

Bei einer Neukonzeption eines Gebet- und Gesangbuches sollten derartige musikalische, stilistische und grammatikalische Schwächen ausgemerzt sein. Leider gibt es aber eine ganze Reihe von Liedern und Kehrversen, die Mängel in einzelnen oder mehreren Teilbereichen aufweisen.

Viel ärgerlicher aber noch ist die hohe Zahl an Druckfehlern, die erstaunlicherweise nicht in der halbjährigen Erprobungsphase und bei der Approbation durch die Bischöfe gefunden worden sind. Einige wenige Beispiele:

Aus dem Inhaltsverzeichnis (29), in dem kaum eine Seite fehlerfrei ist:

  • 643, 3 Jubelt dem Herrn, alle Lande, Halleluja (Kv zu Ps 118) ist dort gleich mit drei Fehlern notiert als:

           643, 3 Jubelt dem Herrn_  alle  Land_,  halleluja (Kv zu Ps 118)

Wer argumentieren möchte, daß es sich um Marginalien handelt, wenn zuhauf Druck- und Formatierungsfehler im Inhaltsverzeichnis zu finden sind, möge bitte bedenken, daß dieses Werk manch einem tägliches Arbeitsmaterial ist. Für die damit zu verrichtende Arbeit gilt sicher der Anspruch größtmöglicher Qualität. Das darf in gleicher Weise auch vom Arbeitsmaterial zu erwarten sein.

Im Notentext: 

  • In GL 2, 203 »O Lamm Gottes unschuldig« muß der zweite Ton in der 4. Reihe eine Halbe statt einer Viertel sein.
  • Bei »Die zehn Gebote« – GL 2, 29, 6 muß es im 4. Gebot heißen:

            …in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt. – und nicht: 
            …in dem Land, dass der Herr, dein Gott, dir gibt.

  • Im »Credo« – GL 2, 177, 1 + 2 ist in der zweiten Zeile des ersten Abschnitts bei dem Wort »und« das »n« unterstrichen, statt dem Vokal »u«.
  • Die Notierung von Klammern unter (Psalm-)Texten, die auf gleichem Ton zu singende Silben und Wörter zusammenfassen, ist nicht einheitlich gehandhabt und deshalb für den Ausführenden verwirrend. Eine ausgleichende Anpassung wäre sinnvoll.


Neue Psalmlieder


Was weniger verärgert, als nach inhaltlicher Analyse vielmehr (Seel-)Sorge bereiten muß, ist die Betrachtung der neu eingeführten Psalmlieder:

Unter GL 2, 419 steht das Lied »Tief im Schoß meiner Mutter«, dessen Text eine Bearbeitung von Psalm 139 ist. Schon die Überschrift der alttestamentlichen Dichtung »Der Mensch vor dem allwissenden Gott« lenkt die Aufmerksamkeit auf die Herrlichkeit des allmächtigen Schöpfers, vor dem der Mensch in der Betrachtung der wunderbaren Natur seiner selbst klein und unbedeutend erscheint. Bittend schließt der Psalm, daß Gott den Beter auf dem richtigen Weg leiten möge, den zu erkennen er ohne die Hilfe des Herrn nicht fähig ist (30).

Auch der Liedtext bekennt Gott als den Schöpfer. Der Mensch erscheint nun aber nicht als das aus Gnade zu Seiner größeren Ehre erschaffene Geschöpf, das dem Plan und dem Willen seines Herrn unterworfen ist, sondern als eigenständig Handelnder, der »das Schweigen kann brechen« (31). Als formvollendet gestaltetes Werkzeug ist er für Gott auf der Erde notwendig, um autonom »die drohende Nacht zu bezwingen« (32). Die süßliche Melodie, die weich auf und ab fließt und in sich durchaus schön und praktikabel ist – abgesehen von einer fehlenden Pause nach der ersten Phrase –, nimmt den ausdrucksstarken Wendungen des Psalms zusätzlich die Aussagekraft. Es ist dies kein Aufschauen mehr zum Herrn, ein Niederfallen oder sich Beugen vor Seiner Größe, sondern vor allem ein Bestaunen der menschlichen Verfaßtheit. Der Text schließt aus dem von Gott gegebenen So-Sein des Geschöpfes dessen göttlich legitimierte Handlungsvollmacht. Damit entsteht ein Hang zur Vergöttlichung des Menschen und zur Vermenschlichung Gottes. Das genau ist aber nicht die Aussageabsicht des Psalms. Neben der schon vorhandenen, textlich wie musikalisch sehr gelungenen Psalmübertragung von Maria Luise Thurmair zu gleichem Psalm unter GL 2, 428 »Herr, dir ist nichts verborgen« (GL 1, 292) rutscht das neue Lied ins Triviale, Selbstbeschauende ab.

Ähnliche Tendenz zeigt sich auch bei der Psalmbearbeitung GL 2, 438 »Wir an Babels fremden Ufern«, von der der Leser und Sänger undetailliert leider nur erfährt, daß sie aus Lettland stammt. Die inhaltliche und musikalische Umsetzung von Psalm 137, der betitelt ist mit »Heimweh nach dem Zion in der Verbannung«, gerät in den Strophen 1 bis 4 zur in Wort und Ton kindgerechten Erzählung über die Lage des Volkes Israel im babylonischen Exil. Lediglich die fünfte und letzte Strophe (33) weist Erwachsene als Zielgruppe der Textbearbeitung aus: der plötzlich vollzogene Schritt zur Erlösungstat Christi am Kreuz ist dem kindlichen Verständnis selbsterklärend nicht nachvollziehbar.

Leider wird dem erwachsenen Sänger dabei die Sichtweise genommen, daß Befreiung aus der »Sklaverei« nicht ein Recht-Verschaffen durch Gott, nicht die Rettung vor innerweltlichen Tyrannen und politischen Unterdrückern durch ein konkretes Eingreifen des Herrn ist, sondern verstanden werden muß als eine freiwillige Abkehr von der eigenen Sünde in der Umkehr zu Gott, der Garant der wahren Freiheit ist. Der Grund für die Verbannung nach Babylon war die Entfremdung des auserwählten Volkes Israel von seinem Herrn hin zum Opferkult für fremde Götter benachbarter Stämme. Viele Propheten haben das Volk zu warnen versucht, am eindringlichsten Jeremia (34). Ihre Stimmen wurden überhört; das Exil war die zu ertragende Konsequenz der eigenen Schuldhaftigkeit. In dieser Dimension ist Psalm 137 messianisch auf Christus hin deutbar, in dem Sinne, wie es etwa der erste Petrusbrief (35) formuliert. Der Psalm besingt das Beweinen der schmerzhaft erlebten Trennung von der heilenden Gottesnähe. Beschrieben wird die unstillbare Sehnsucht nach einer geistigen Wohnung, nach seelischer Ganzheit und Gesundheit, nicht so sehr das Heimweh in Folge einer räumlichen Trennung.

Die aufgezeigte Intention des Psalms bizarr verzerrend, wirkt danach auch die ihm unter GL 2, 74, 1 vorangestellte Antiphon (36). Durch die für einen Kehrvers ungewöhnliche und durchaus überflüssige, komplette Wiederholung entsteht in motorischer Rhythmik mit vielen Tonrepetitionen bzw. Kleinschrittigkeit der melodischen Führung eher der Eindruck freudiger Bewegtheit als der des Nachdenkens über die durchlittene Folge eigenen Fehlverhaltens. Text und Charakter der Antiphon verfehlen das Thema des Psalms.

Einen fragwürdigen Umgang mit dem zugrundeliegenden Ausgangstext weist auch das Lied »Aus der Tiefe rufe ich zu dir« unter GL 2, 283 auf. In Anbetracht der vierten Strophe (»Nur dir will ich vertrauen, [...]: Auf dein Wort will ich bauen.«) müßte die Quellenangabe des Textes unter dem Lied neben den Versen 1 und 2 des berühmten Psalms 130 »Bitte in tiefer Not« auch dessen Vers 5 als Schriftquelle ausweisen (37).

In kurzen Phrasen – entfernt an den Psalm erinnernd und unterbrochen durch den immer gleichen Einwurf »Aus der Tiefe rufe ich zu dir« – soll die scheinbar ausweglose, seelische Notsituation eines Klagenden beschrieben werden. Kindlich-naive Formulierungen mit plumpen Endreimen (Beispiel Strophe 2: »Herr, öffne deine Ohren, [...]: Ich bin hier ganz verloren.«) verkehren die innere Betrübtheit ins Banale, nahezu Lächerliche. Durch die fehlende Bearbeitung der erklärenden Verse des Psalms bleibt am Ende offen, weshalb der Rufende fleht, klagt und fragt. Wie im Beispiel zuvor ist es die Sündenschuld, die den Menschen leidvoll niederdrückt, aus der ihn nur – wie die Verse 8 und 9 des Quellentextes belegen (38) – der Herr in Seiner Huld erlösen kann.

Eine neue, zeitgemäße Psalmbearbeitung hätte die Aufgabe, das dem Ausgangsmaterial eigene Thema in die Sprache der Gegenwart zu übersetzen, in oben beschriebenen Fällen das »Babylon« des modernen Menschen aufzuzeigen, seine Verstrickungen in Falschheiten und Lebenslügen zu benennen und ihm einen Weg der Umkehr zu Gott und zur Freiheit zu eröffnen. Dies leisten die beschriebenen, in den Stammteil von GL 2 neu aufgenommenen Werke nicht.

Im Gegensatz zu der gut formulierten Erläuterung des Sakramentes der Buße und Versöhnung (39) läßt der Gebetsteil in der Rubrik »Umkehr und Buße« (40) den Gläubigen genau an dieser Stelle auch allein: Ehemals sieben Gebete in GL 1 (41) – darunter ein bedeutendes von Thomas von Aquin (42) – werden durch ein einziges von Erich Guntli (43) ersetzt, das nicht um die Kraft zur Umkehr, sondern um das Verstehen der eigenen Schwächen bittet. Das Dunkle soll sich selbst erhellen, der Herr soll befreiend wirken; eigenes Zutun ist nicht angedacht.


Eine neue religiöse Sprachgestalt


In diversen neuen Gebeten und Liedern offenbart sich besonders im Blick auf den Aspekt der Buße und Umkehr ein Unvermögen zur Schulderkenntnis: Das von Gott Trennende wird nicht in neue (Ton-)Sprache umgesetzt und nicht bereuend vor Ihn getragen. Gerade in Zeiten, die der Kommunikation und dem Informationsaustausch eine nie dagewesene Bedeutung beimessen, dokumentiert sich in GL 2 insgesamt eine befremdliche Sprachlosigkeit vor Gott: dem Leser begegnen – für ein Gebetbuch unerwartet – kurze oder absichtlich gekürzte Texte wie hingeworfene, unvollendete Gedanken, vieles selbstbezüglich, das rein Menschliche betrachtend; daneben findet er kommentarlos aneinander gereihte Bibelzitate in SMS-Länge als sogenannte »Impulse«; Aphorismen bedeutender Persönlichkeiten wie vom täglichen Abreißkalender im Stil geistlicher Appetitanreger: durch eigenes Nachsinnen muß der Gläubige aus diesem »spirituellen Schnellimbiß« seelische Lebensnahrung gewinnen. Tiefgründigen Anbetungscharakter weisen fast ausschließlich Lieder und Texte älterer Herkunft auf.

Bei der Auswahl der Texte, Impulse und Gebete ist es für den Laien schwierig bis unmöglich, den entfachten eigenen Gedankenstrom vom Glauben der Kirche zu unterscheiden, der dem Glauben des einzelnen aber immer vorausgeht (44), ihm Fundament und Richtung gibt. Neben all dem Arrivierten, das zum Zufriedenstellen der Volksseele in einem neukonzipierten GL nicht weggelassen werden darf, wird nichts aus jüngerer Zeit mit dem Geruch des heiligenden, belehrenden oder leitenden Behaftete serviert aus Angst, den Geschmack des nicht gezwungenen, privaten Käufers zu verfehlen. Was »kundenorientiert« genannt wird, verschriftlicht in Wahrheit das Vermeiden unbequemer katholischer Lehrinhalte für eine störungsfreie, schöngeistige Gottsuche ohne lehramtliche Hindernisse und moralische Forderungen.

Der gewonnene Freiraum wird gefüllt mit einer überbetonten Wertschätzung der Ökumene, der das spezifisch Katholische im Weg ist.

Mit der Neukonzeption des GL reiht die katholische Kirche im deutschen Sprachraum ein weiteres Produkt ins Regal der Möglichkeiten zur Lebensgestaltung ein, aus dem der Mensch in Freiheit zu wählen aufgefordert wird. Der verdreht-stolze Blick auf Verkaufszahlen und Bestsellerlisten, die sich zum weitaus größten Teil nicht aus Verkäufen in private Hand, sondern aus den gemeindlichen Bestellungen ergeben, beweist, daß auf kirchlicher Leitungsebene in Vergessenheit geraten ist, daß ihr Gründungsprinzip kein marktwirtschaftliches, sondern ein göttliches ist. Sie hat vergessen, der »Andere-Welt-Laden« zu sein, in dem der Mensch ein wahres »mehr« findet, wenn er die enge Zelle des »Gefangen-Seins in Wahlfreiheit« hinter sich gelassen hat und glaubend – kostenfrei, gratis als Geschenk der Gnade – annimmt, was ihm das reichhaltige Sortiment bietet. 

»Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?« (45) 

»Strich geworden« ist diese Haltung in einer »eigenständigen Kunstform« (46): Statt fundierter Psalmauslegungen oder kurzer Bibelkommentare (oder weiterer, kurz erläuterter, aussagekräftiger Photographien) wird die »qualitativ hochwertige und ästhetisch ansprechende Gestaltung« mittels »zeitgenössischer Zeichnungen« angepriesen, die seitenweise »Zonen der Ruhe und des Meditierens« über nicht vorhandene Inhalte schafft.


GL 2 als liturgisches Rollenbuch


»Singen oder rezitieren Schola oder Volk die ihnen zufallenden Teile, so werden diese vom Zelebranten nicht privat gesprochen.« (47) 

Es war der Ritterschlag für den Gemeindegesang, als mit dieser Anweisung die im Lied praktizierte »tätige Teilnahme« (48) der Gläubigen integraler Bestandteil der heiligen Liturgie wurde: nicht mehr nur schmückendes Beiwerk neben der Ausführung durch den der Liturgie vorstehenden Priester, sondern durch die gottesdienstliche Versammlung selbst vollzogene heilige Handlung, wenn die Texte von Gloria, Antwortpsalm, Credo und Sanctus gemeinsam gesungen oder gesprochen werden.

Das kleine »wenn« ist seitdem aber das Problem: mit Begeisterung werden häufig in tätiger Teilnahme von der Gemeinde Lieder zum Gloria, zum Antwortpsalm usw. gesungen, deren Text nicht der liturgisch vorgeschriebene ist. Dies entwickelte sich aus der Tradition der Bet-Sing-Messe, die gezielt in auslegenden und erklärenden Liedern und Texten parallel zur zelebrierten Liturgie den Gläubigen volkssprachlich nahebrachte, was am Altar ausschließlich in Latein vollzogen wurde. Im Zuge der Aufwertung des Gemeindegesanges zu einem »notwendigen und integrierenden Bestandteil der feierlichen Liturgie« (49) wurde diese vorkonziliare Gewohnheit nicht den neuen Erfordernissen angepaßt, sondern in gleicher Weise fortgeführt und durch Neukompositionen ausgeweitet, so daß heute mehrheitlich Paraphrasen zu hören sind, bzw. mancherorts Loblieder gesungen werden, deren inhaltliche Distanz zum liturgischen Gebet sie eher als »pädagogisch sinnvolle Beschäftigung« zum Sanctus beispielsweise ausweisen.

Vollzieht damit die Gemeinde wirklich Liturgie? Oder ist der Priester für eine dem Meßbuch gemäßen Zelebration nun doch gehalten, leise und vollständig zu beten, was das Volk textlich bestenfalls anklingen läßt?

Diese Fragen mußten mit GL 2 beantwortet werden, denn wenn z. B. das »Gloria« der »Deutschen Messe« von Franz Schubert »Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe« aufgenommen werden soll, muß es – ganz praktisch betrachtet – einen Platz finden: entweder unter den Gesängen »Deutsche Ordinarien« (50) bzw. unter der allgemeineren Rubrik »Gesänge – Gloria« (51) oder aber einsortiert in eine Kategorie mit Liedern vergleichbarer Thematik. Für letztere Variante hat man sich entschieden: das beliebte Lied steht in der Rubrik »Lob, Dank und Anbetung« (52). Konsequenz erwartend weitergedacht würde man nun auch sämtliche andere – in Einzelfällen nicht minder beliebte – Paraphrasen des Gloria in dieser Rubrik vermuten. Doch dem ist nicht so: Im Bereich »Gesänge – Gloria« (53) finden sich zwei der liturgischen Vorgabe entsprechende Vertonungen, aber weitere sechs Umschreibungen derselben, die – nicht als solche kenntlich gemacht – lediglich suggerieren, dem Anspruch der Liturgie gerecht zu werden.

Im Gehorsam gegenüber der Anweisung des II. Vatikanischen Konzils »[d]ie Mutter Kirche wünscht sehr, alle Gläubigen möchten zu der vollen, bewußten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern geführt werden, wie sie das Wesen der Liturgie selbst verlangt und zu der das christliche Volk [...] kraft der Taufe berechtigt und verpflichtet ist« (54), ist es demnach ausgeschlossen, derartige Paraphrasen an liturgisch entscheidenden Stellen einzusetzen. Der berühmte Platz zwischen zwei Stühlen: die den Gläubigen liebgewordene Tradition und die Erfordernisse der Liturgie. Die »Grundordnung des Römischen Meßbuchs« (55) zeigt sich eindeutig: »Das Gloria ist ein sehr alter und ehrwürdiger Hymnus [...]. Der Text dieses Hymnus kann nicht gegen einen anderen ausgetauscht werden.« (56) Zur Lösung des Problems tragen die Texte der Liturgiekonstitution »Sacrosanctum concilium« bei: »Diese volle und tätige Teilnahme des ganzen Volkes ist bei der Erneuerung und Förderung der heiligen Liturgie aufs stärkste zu beachten, ist sie doch die erste und unentbehrliche Quelle, aus der die Christen wahrhaft christlichen Geist schöpfen sollen. Darum ist sie in der ganzen seelsorglichen Arbeit durch gebührende Unterweisung von den Seelsorgern gewissenhaft anzustreben. Es besteht aber keine Hoffnung auf Verwirklichung dieser Forderung, wenn nicht zuerst die Seelsorger vom Geist und von der Kraft der Liturgie tief durchdrungen sind und in ihr Lehrmeister werden.« (57) 

Die Einführung eines neuen Gebet- und Gesangbuches wäre eine geeignete Schnittstelle gewesen, die benannte »Erneuerung und Förderung der heiligen Liturgie aufs stärkste zu beachten« (58) und anweisungsgemäß Paraphrasen von nicht vorgesehenen Stellen zu entfernen. Mittels fundierter Einführungen hätte beispielsweise erläutert werden können, warum sich beliebte und vertraute Lieder jetzt im neuen Abschnitt »Paraphrasen« befinden. Über einen Versuch während der Entwicklungs- oder Erprobungsphase von GL 2, eine Gemeinde mittels Erklärungen zum Singen der liturgisch vorgesehenen Texte zu ermuntern, ist leider nichts bekannt. Es wäre ein sehr interessantes Experiment, die Bedeutung der Transsubjektivität liturgischer Texte dem Gläubigen darzulegen, das vielleicht das erstaunliche, lohnens- und lobenswerte Ergebnis hervorbringen würde, daß das Volk anschließend nicht mehr nach seinem Wohlbehagen im Gottesdienst fragt, sondern bevorzugt, was die Liturgie verdient.


Psalmen und Antiphonen


Ein großes Fragezeichen hinter eine für die Erfordernisse der Liturgie notwendige Auswahl muß auch beim Abschnitt »Die Psalmen« (59) gesetzt werden: Die Idee, diejenigen Psalmen, die das »Schott-Meßbuch« (60) für Wochen- bzw. Sonntage als Antwortpsalmen vorsieht, als Grundstock einer Auswahl aufzunehmen, scheint naheliegend, wird aber nicht umgesetzt. Gegenüber GL 1 sind in GL 2 beispielsweise die Psalmen 33 und 119 entfernt worden, die 21- bzw. 35-mal als Antwortpsalm vorgeschrieben sind; durchaus also in der Häufigkeit ihres Auftretens wichtige Psalmen; in seiner alphabetischen Anlage ist Psalm 119 darüber hinaus eine sprachlich und formal besonders bedeutende alttestamentliche Dichtung.

Psalm 116 wurde um seinen Teil B gekürzt, der allein 11-mal Anwendung findet und mit seiner Thematik »Ein Lied zum Dankopfer« neben dem Gottesdienst vielerlei Gebrauchsmöglichkeiten für das persönliche Gebet bieten würde. Ähnlich ist es bei Psalm 50 »Der rechte Gottesdienst«, der – gleiche 11-mal vorgesehen – aus der Sammlung herausgenommen wurde. Mit der Entfernung dieser beiden Elemente hat man die in den Psalmen göttlich inspirierte Wegweisung zum gottgefälligen, rechten Opfern in GL 2 fast vollständig gestrichen.

Neu aufgenommen ist dagegen der textlich-thematisch sehr spezielle Psalm 114 »Ein Loblied auf die Befreiung Israels« (61), der für die Meßliturgie in allen Lesejahren nur einmal vorgesehen ist.

Weiterhin unberücksichtigt bleiben die Psalmen 89 und 97, die 28- bzw. 16-mal als Antwortpsalm vorgesehen sind, wobei Psalm 97 mit seinem »Aufruf zur Freude über den Herrscher der Welt« ohne jede weitere Erläuterung ein geeignetes Alltagsgebet abgeben würde.

Vorzugsweise sind die im Lektionar ausgewählten Verse in der Funktion des Antwortpsalms von einem professionellen Kantor oder Vorbeter auszuführen. Da aber immer häufiger nur mittels »Crash-Kurs« ausgebildete Laien eigenständig Wort-Gottes-Feiern an Sonntagen veranstalten, an denen die fixierte liturgische Ordnung der Schrifttexte nicht umgangen werden soll, wäre es für die ehrenamtlich Engagierten eine hilfreiche Unterstützung gewesen, eben solche Psalmen in GL 2 aufzunehmen, die jene Ordnung sehr häufig vorsieht.

Ähnlich wie der vorgeschriebene Psalmtext ist auch der für die Gemeinde vorgesehene Text der Antiphon, die den Inhalt des Gehörten umrahmt und verstärkt, dem Lektionar entnehmbar. Liturgisch angewendet werden können allerdings nur diejenigen Antiphonen, die im gemeindlichen Rollenbuch – im GL – wiederzufinden sind. Leider bleibt GL 2 auch hier deutlich hinter den Anforderungen zurück:

Die fünfmal geforderte und auch allgemein anwendbare Antiphon: »Gnädig und barmherzig ist der Herr, voll Langmut und reich an Güte« muß weiterhin wie in GL 1 gemäß des Vorschlags im Schott-Meßbuch durch den Kehrvers »Der Herr vergibt die Schuld und rettet unser Leben« (62) ersetzt werden, weil eine Vertonung des vorgesehenen Textes nicht vorgenommen wurde.

Defizitär erweist sich GL 2 im Hinblick auf eine Antiphon zum Thema »Verkündigung in der Gemeinde«. Die musikalisch-qualitativ sparsame Variante »Herr, deine Treue will ich künden in der Gemeinde« (63) aus GL 1 wird nicht verbessert, sondern ersatzlos gestrichen. Eine Alternative artverwandter Prägung ist in GL 2 nicht zu finden.

Bedauerlich ist das Ändern einer erprobt funktionierenden Form: der lange, an Bildern und Inhalten reiche Psalm 34 (64) erscheint in GL 1 zusammenhängend mit zwei verschiedenen Antiphonen zur Auswahl, die je nach Schwerpunktsetzung der Verszusammenstellung anwendbar sind. Hier bleibt es möglich, den Psalm singend durchgängig auszuführen.

In GL 2 erscheint gleicher Psalm (65) mittig geteilt unter aufeinander folgenden Nummern, die aber in Modus/Tonart von Antiphon und Psalmodie derart verschieden sind, daß eine komplette, gesungene Ausführung aufgrund der sich bei einer Anpassung verschiebenden Unterstreichungen in Mediatio und Terminatio (66) selbst für einen Profi nicht unproblematisch ist.

Die Auswahl der Antiphon zum zweiten Psalmteil bleibt rätselhaft, weil dieser nicht eines der Schlüsselwörter des Kehrverses » Freut euch: Wir sind Gottes Volk, erwählt durch seine Gnade« (67) enthält.

Fehlerhaft ist die Auswahl der Antiphon für den zweiten Teil von Psalm 34 zu nennen, der in der Rubrik »Die Psalmen« von GL 2 erneut zu finden ist (68): Für die Verse 12 bis 23 wird Vers 9 als Antiphon gewählt, der textlich wie inhaltlich nicht mehr Bestandteil desselben ist und auch mit viel interpretatorischer Phantasie nicht mit den nachfolgenden Versen verknüpft werden mag.

Allein der Blick auf die Antwortpsalmen belegt, daß GL 2 als Rollenbuch der Gemeinde für eine sachgemäße Umsetzung liturgischer Vorgaben deutliche Mängel aufweist. Die liturgisch korrekte Ausführung eines Gloria ist mit GL 2 unbestritten möglich, doch erschwert die gleichberechtigte Stellung der beliebteren Paraphrasen den für die Liturgie Verantwortlichen die Durchsetzung der meist spröderen Volltext-Varianten unnötig. Es ist in vielen Gemeinden zu beobachten, daß der ursprüngliche, schöne Gloria-Text bereits fast vollständig in Vergessenheit geraten ist. Hier vermag GL 2 in seiner Aufstellung keinen Einhalt zu gebieten und keine Abhilfe zu schaffen.

Eine ähnlich inkonsequente Auswahl zeigt sich bei den Sanctus-Gesängen; lediglich die Credo-Gesänge in der Rubrik »Gesänge – Credo« (69) entsprechen in ihren Textfassungen den approbierten der Liturgie.


Die Gottesmutter und Papst Benedikt XVI.


Mit Langmut ist zu vergeben, was in der Euphorie einer Aufbruchsstimmung selbst Grundsätze außer Blick geraten und eine Unternehmung übers Ziel hinausschießen läßt. In dieser Geduld ist die marianische Andacht aus GL 1 zu bewerten, die die Gottesmutter im »Geist« des II. Vatikanischen Konzils zur »Schwester der Menschen« (70) erklärt. Keine der offiziellen Verlautbarungen des II. Vaticanums verleiht der seligen Jungfrau diesen fragwürdigen Titel; sie ist und bleibt die »gütige Gottesmutter« (71), die »Mutter des höchsten und ewigen Priesters, die Königin der Apostel und Schützerin des Dienstes« (72), die eine »mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen« (73) hat. In der unaufgeregt wissenschaftlichen Analyse der Konzilstexte und -ereignisse durch nachgeborene Generationen wurde schon so mancher »Geist« als Schreckgespenst enttarnt. GL 2 zeigt sich leider weiterhin seinem Spuk erlegen und wählt als eines von drei Gebeten »In Gemeinschaft mit Maria« (74) den Text mit den einprägsam dreimal wiederholten Anfangsworten »Maria, ich nenne dich Schwester« (75) von Christa Peikert-Flaspöhler als angemessenen Ausdruck der Beziehung des Gläubigen zur »heiligen Gottesgebärerin« (76).

Spätestens an dieser Stelle muß von den Verantwortlichen eingefordert werden, das Versteckspiel um Entscheidungsfindungen bezüglich der Inhalte von GL 2 aufzugeben und Gründe zu benennen, wie es passieren konnte, daß nicht einer der approbierenden Bischöfe und keiner der »rund 60 Fachleute[n] aus Österreich, Deutschland und Südtirol in diesen Arbeitsgruppen« (77) den Gedanken entwickelt hat, das großartige Gebet unseres Heiligen Vaters, Papst Benedikt XVI., das er am 09. September 2006 vor der Mariensäule in München den Gläubigen schenkte, in adaptierter Form dem Volk Gottes ans Herz zu legen, um sich betend mit dem Oberhaupt aller Katholiken zu verbinden.

Da nicht anzunehmen ist, daß derartig viele »Fachleute« und Bischöfe nicht die gesamtkirchliche Situation bei der Neukonzeption eines Gebet- und Gesangbuches im Hinterkopf hatten, ist es auch nicht anzunehmen, daß es eine verpaßte Chance genannt werden kann, in GL 2 an nicht einer Stelle das zu diesem Zeitpunkt noch aktuelle Pontifikat Benedikts XVI. zu erwähnen und seine außerordentlichen theologischen Leistungen zu würdigen. Es wird totgeschwiegen, was nicht ins politische Konzept paßt. Das ist ein skandalöser Affront – nicht nur gegenüber der Person Joseph Ratzingers und der Tiefe seiner Theologie, sondern vor allem gegenüber dem Petrusamt.

In dieser Linie ist es keineswegs verwunderlich, daß GL 2 nicht mehr das Gebet des von Benedikt XVI. im Jahr 2010 seliggesprochenen John Henry Newman »für den Papst« (78) enthält und daß aus der Allerheiligen-Litanei (79) mit dem Abschnitt für die »heiligen Diakone und Priester« (80) auch der hl. Pfarrer von Ars entfernt wurde.

Wer in erschrecktem Erstaunen nach Halt und nach einem Gebet für die Bischöfe in GL 2 sucht, wird explizit auch nicht fündig – Johann Michael Sailers »für den Bischof« (81) ist auf eine kleine Bitte um Beistand für »unseren Bischof« (82) hinter einer Fürbitte für den Papst in der Andacht »Kirche in der Welt« (83) reduziert worden, damit die Idee des Betens für die obersten Hirten der Kirche nicht als »ganz unter den Tisch gefallen« bezeichnet werden kann.


Häusliche Feiern


Ein »Großer Wurf« (84) verspricht GL 2 auch deswegen zu sein, weil »dem Wunsch an ein neues ›Gotteslob‹ entsprochen [wird], erstmalig ›Häusliche Feiern‹ im Kreise von Familien und Freunden anzubieten: Diese bereichern das gemeinsame Singen und Beten in gewohnter Lebensumgebung zum Beispiel im Advent oder am Heiligen Abend.« (85)

Die Grundintention ist gut; »erstmalig« erweist sich mit einem Blick auf folgenden Text in GL 1 als gewagte Behauptung: »Die Familie feiert Weihnachten am Heiligen Abend, vor oder nach dem Weihnachtsgottesdienst (Christmette). Sie versammelt sich vor der Krippe, die das Geschehen der Heiligen Nacht darstellt, und um den Christbaum, der uns an den Baum des Lebens erinnert. Der Vater liest das Evangelium von der Geburt des Herrn; Weihnachtslieder und Gebet, vor allem der ›Engel des Herrn‹ (Nr. 2, 7) lassen uns spüren, was der Grund des Feierns und der Geschenke ist: Gott hat uns seinen eigenen Sohn geschenkt.« (86) 

Es zeigt sich: Der in GL 1 als ganz selbstverständlich angenommene Besuch des Weihnachtsgottesdienstes, das Erleben kirchlich geordneter Liturgie, gibt dem häuslichen Gebet, der »Kirche im Kleinen« formalen Freiraum, aus dem ein sehr lebendiges, persönliches oder familiäres Gebetsleben erwachsen kann, das sich nicht mehr an liturgische Vorgaben gebunden sieht, in das spontan einzustimmen jeder Anwesende eingeladen ist.

GL 2 spricht davon, daß »die häusliche Feier mit einer häuslichen Liturgie verbunden werden« (87) kann. Ein Kirchbesuch am Heiligen Abend wird nicht nahegelegt. Dafür wird das Hausgebet in ein Schema gegossen, das ihm einen formal-liturgischen Charakter verleiht. Freiheit und Spontaneität gehen verloren. Die vorformulierten Fürbitten schließen eine persönliche Prägung und Widmung aus.

Ein Vergleich zwischen GL 1 und GL 2 in Bezug auf Tod und Sterben eines Christen belegt den beschriebenen Effekt in gleicher Weise und läßt darüber hinaus feststellen, daß wichtige Inhalte von GL 1 gar nicht rezipiert sind, denn wer würde behaupten wollen, daß GL 2 »erstmalig« derartige Angebote vorlegt, wenn er die Abschnitte unter den Nummern 77 bis 80 in GL 1 wirklich kennen würde? (88)

In dem Wunsch der Gläubigen nach Angeboten für häusliche Feiern drückt sich die Sehnsucht nach festen Formen, nach einzuhaltenden Vorgaben, nach »Liturgie« als kirchlich geformter, göttlicher Ordnung aus, die den Menschen mit Gott verbindet und ihm einen Blick hinter den Vorhang der Zeitlichkeit – in die »andere Welt« der Ewigkeit – eröffnet. Das Gespür dafür, daß die Begegnung mit dem Allerhöchsten und Allerheiligsten eines »Protokolls« im rechten Verständnis des »geheiligt werde Dein Name« bedarf, zeigt sich nicht durch die stets betonte, verständnisvolle Barmherzigkeit und Güte Gottes überwunden, sondern in gleicher Weise aktuell, wie es die Schriften des Alten und Neuen Testamentes überliefern. Hier wird durch die Gläubigen erbeten, was ihnen im alltäglichen Erleben von Liturgie in der Kirche oft ermangelt: eine fest gefügte Ordnung göttlichen Ursprungs, die nicht menschlicher Beliebigkeit preisgegeben ist. Der Mensch bedarf des Kultes, der seines Namens würdig ist.


Der Grundsatz


»Das Heilige Konzil hat sich zum Ziel gesetzt, das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen [...] und zu stärken, was immer helfen kann, alle in den Schoß der Kirche zu rufen.« (89) – ein hehres Ziel und der in Worte des 20. Jahrhunderts gefaßte göttliche Sendungsauftrag der Kirche, zu dem zu gelangen und den umzusetzen es als notwendig erachtet wurde, sich in besonderer Weise »um Erneuerung und Pflege der Liturgie zu sorgen.« (90) Auf diesem eingeschlagenen Weg wurde als geeignete Hilfe für die Gläubigen die Idee zum Einheitsgesangbuch »Gotteslob« weiterentwickelt, das mit fast 40jähriger Erfahrung betrachtet ein bewundernswertes Projekt und Produkt ist, weil es in größter Zeitnähe zu den einschneidenden Umwälzungen in der Liturgie und im kirchlichen Leben schon diejenigen Beschlüsse des Konzils und der Würzburger Synode berücksichtigte, deren Tinte gerade erst getrocknet schien. Daß dennoch nach dieser für unsere schnellebige Zeit langen Spanne bis heute über GL 1 noch immer gesagt wird: »Es war recht gut« (91) und es »hat sich im Prinzip bewährt« (92), ist bemerkenswert und darf den Verfassern und Ideengebern ein großes Lob sein; ein allgemein akzeptiertes und tragendes Fundament, auf dem es aufzubauen galt und das neu zu konzipieren überflüssig bis töricht erscheint. Nichtsdestotrotz wurde durch die Deutsche und die Österreichische Bischofskonferenz die Entscheidung genau dazu gefällt. Vom hohen, kräftebindenden und finanziellen Aufwand (93) für die Neukonzeption von GL darf der Benutzer nun aber durchaus eine Verbesserung gegenüber dem namensgleichen Vorgängerwerk in allen Bereichen, besonders aber zu oben angeführtem Grundsatz erwarten.


Die Bewertung


Die medial werbewirksam lancierten Jubelrufe über das fertiggestellte GL 2  von Verantwortlichen aller beteiligten Sparten, die pünktlich zur Einführungsphase im Advent 2013 oft wortgleich laut und Schrift wurden, geben zu der Vermutung Anlaß, daß die überschwenglich lobenden Worte zumeist Ergebnis einer ausschnitthaften, unter Zeitdruck gewonnenen Momentaufnahme des druckfrischen Werkes waren; ein »Ersteindruck« als grober Überblick, dem die inhaltliche und gestalterische Qualität von GL 2 durchaus Stand zu halten vermag. Der Erzbischof von Wien, Christoph Kardinal Schönborn, untermauert diese Vermutung, wenn er bei der offiziellen Vorstellung des neuen Gesangbuches einschränkend formuliert: »Es ist – glaube ich – sehr gelungen.« (94) Im Zuge einer Pressekonferenz mit einer qualifizierten, sachlichen Bewertung von GL 2 seitens eines Approbierenden zu rechnen, die auf Wissen und nicht auf Glauben beruht, ist keine überzogene Erwartungshaltung.

Urvertrauen in die Qualität der Arbeit von Experten und Kommissionen kann nicht grundsätzlich kritisiert werden; es ist Grundbedingung für die Umsetzung eines Großprojektes – leider nicht die Garantie für das Gelingen eines solchen. Für die Gesamtbeurteilung eines derartig umfangreichen und vielschichtigen Werkes sind aber die Kenntnis und die Überprüfung aller Inhalte aus einer das Gesamtwerk überblickenden Perspektive als notwendig zu erachten. Der Auftraggeber muß vor der abschließenden Approbation das vorgelegte Ergebnis der Kommissionsarbeiten im Hinblick auf die Qualität der Umsetzung der in den eigenen Zielen formulierten Anforderungen überprüfen und bewerten und deshalb Augenmerk auf jedes Detail – auch im Vergleich zu GL 1 – legen.

In Anbetracht der dargelegten Mängel muß davon ausgegangen werden, daß ein tiefer Einblick in die Materie und eine überschauende, abschließende Analyse nicht in ausreichendem Maße stattgefunden hat. Mit dem Griff in die Trickkiste der Werbeindustrie möchte man plakativ wie augenzwinkernd in Erinnerung rufen: »Mit dem Zweiten sieht man besser« (95).


Fazit


Die Ergebnisse der Betrachtung lassen nicht nur den Schluß zu, daß Inhalt und Gestalt von GL 2 den selbstgesteckten Zielen der Neukonzeption nicht gerecht werden, sondern auch, daß der Weg zur Vertiefung des christlichen Glaubens durch eine – speziell im deutschen Sprachraum überzogen durchgeführte – erneuerte Liturgie gescheitert ist. Für das Verständnis der Laien bezüglich der Bedeutung von Liturgie bedeutet GL 2 eher Rückschritt als Fortschritt.

Schlußfolgernd muß bezweifelt werden, daß der »große Wurf« (96) das anvisierte Ziel tatsächlich treffen wird. Bis zu einer möglichen Bewertung der durch die Verwendung von GL 2 entstandenen Konsequenzen wird eine geraume Zeit vergehen – vielleicht die einer halben Generation. »Da ein Gebet- und Gesangbuch in der Regel etwa eine Generation lang seinen Dienst in Familien und Pfarrgemeinden versieht« (97), steht dann wohl in Anbetracht der Dauer der Abläufe eine Neukonzeption eines Einheitsgesangbuches auf der Agenda.

Im Hinblick auf die durch vergleichendes Beurteilen zwischen GL 1 und GL 2 entstandene Spannung gilt es für eine nachfolgende Generation zu definieren, was »Tradition« in Bezug auf Gebet und Gesang für sie bedeutet, wie sie gelebt und verlebendigt wird.

Nach 1 Thess 5, 21: »Prüft alles und behaltet das Gute!« wird GL 3 einmal aufzeigen, was weder Akzeptanzanalyseverfahren noch Evaluierungsbögen in nackten Zahlen ausweisen können: die der Tradition entspringende Seelenbindung an ein Glaubensbuch, die sich durch die Treue zu Kompositionen und Dichtungen ausweist, die ihrerseits ein Werk füllen, auf dem sich auch in Zeiten der Not getrost ruhen läßt.

Bis dahin gilt den Gläubigen deutschen Sprachraums das schlichte Steingrau des neu gewandeten Gotteslobes als Zeichen der Hoffnung auf die Macht des Herrn, die Steine in Brot wandeln kann. Die Rezeption alles Nahrhaften aus GL 1 hätte das meist aus der Hand der Eltern oder Großeltern empfangene Gebetbuch zu einer geistigen Heimat werden lassen können. Nur durch Liegenlassen wird es steinhart. -


Anmerkungen:


(1) Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen. Leipzig: Steffens, 1888; 1. Auflage, S. 209 f.

(2) www.dbk.de: Pressegespräch 034a; auf der Frühjahrs-Vollversammlung am 20. Februar 2013 in Trier.

(3) ebd.

(4) Gotteslob [GL 1]; Geleitwort 1974; A. Wagner und P. Nordhues.

(5) www.mein-gotteslob.de/entwicklung-entstehung-neues-gotteslob, Unterpunkt 2: Akzeptanzerhebung.

(6) www.liturgie.de/liturgie/projekte/ggb/download/fergebnisse.pdf; im Folgenden dem Dateinamen entsprechend »fergebnisse« genannt.

(7) www.herder-korrespondenz.de; aus dem HK Spezial: Wie heute Gott feiern? Liturgie im 21. Jahrhundert.

(8) Grafik aus: fergebnisse; S. 7/29.

(9) Siehe Fußnote 5.

(10) Großes Glaubensbekenntnis; GL 1; Nr. 356.

(11) fergebnisse, S. 4/29.

(12) Vgl. Christus Dominus: Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe; Abschnitt 11: »Die einzelnen Bischöfe, denen die Sorge für eine Teilkirche anvertraut ist, weiden unter der Autorität des Papstes als deren eigentliche, ordentliche und unmittelbare Hirten ihre Schafe im Namen des Herrn, indem sie ihre Aufgabe zu lehren, zu heiligen und zu leiten an ihnen ausüben.«

(13) GL 2: Nrn. 488 bis 491.

(14) GL 2: Nr. 570, 1; 2. Absatz.

(15) GL 2: Nr. 571; in hellgrau.

(16) www.derwesten.de/kultur/im-neuen-gotteslob-ist-auch-raum-fuer-sexualitaet-id8717783.html

(17) GL 2: Nr. 576.

(18) GL 2: Nr. 313.

(19) ebd.

(20) GL 2: Nr. 576, 5.

(21) GL 1: Nr. 50, 2: Dank für die Taufe: »Ich danke dir, Vater im Himmel, daß ich aus Wasser und Geist neu geboren wurde in der Taufe. Ich darf mich dein Kind nennen, denn du hast mich aus Schuld und Tod gerufen und mir Anteil an deinem Leben geschenkt.
Ich danke dir, Jesus Christus, Sohn des Vaters, für deinen Tod und deine Auferstehung. Wie die Rebe mit dem Weinstock, so bin ich mit dir verbunden; ich bin Glied an deinem Leib, aufgenommen in das heilige Volk zum Lob der Herrlichkeit des Vaters. 
Ich danke dir, Heiliger Geist, daß deine Liebe ausgegossen ist in unsere Herzen. Du lebst in mir und willst mich führen zu einem Leben, das Gott bezeugt und den Brüdern dient. So kann ich einst mit allen Heiligen das Erbe empfangen, das denen bereitet ist, die Gott lieben.«

(22) GL 1: Nr. 43, 1.

(23) fergebnisse, S. 7/29.

(24) ebd.

(25) www.dbk.de/themen/gotteslob unter dem Stichwort: Inhaltsübersicht.

(26) ebd.

(27) ebd.

(28) GL 2: Nr. 274: » 1. Und suchst du meine Sünde, flieh ich von dir zu dir, Ursprung in den ich münde, du fern und nah bei mir. 2. Wie ich mich wend und drehe, geh ich von dir zu dir, die Ferne und die Nähe sind aufgelöset hier. 3. Von dir zu dir mein Schreiten, mein Weg und meine Ruh, Gericht und Gnad, die beiden bist du und immer du.«

(29) Der aufgezeigte Fehler bezieht sich auf das Inhaltsverzeichnis der GL 2-Ausgabe des Bistums Aachen. Beim Vergleich von Ausgaben verschiedener Bistümer fällt auf, daß derartige Fehler, die sogar wie in diesem Fall einen Titel des Stammteils betreffen, nicht überall identisch sind. Das bedeutet im Rückschluß, daß wahrscheinlich jedes einzelne Bistum ein komplettes Inhaltsverzeichnis selbst erarbeitet hat. Bei der Nutzung gewöhnlicher Tabellenfunktionen und der Datenübertragung mittels des eigens für die Entwicklung von GL 2 eingerichteten Intranets, hätten durch eine zentrale Erstellung eines Inhaltsverzeichnisses des Stammteiles dieser enorme Aufwand und eine – besonders im Bistum Aachen erhebliche – Fehlerhäufung mit einfachsten Mitteln vermieden werden können. Das Inhaltsverzeichnis von GL 2 des Bistums Aachen kann nur als dilettantisch bezeichnet werden.

(30) Vgl. GL 2: Nr. 657, 2; Ps 139, 1-18, 23-24.

(31) GL 2: Nr. 419, 4. Strophe.

(32) GL 2: Nr. 419, 5. Strophe.

(33) Vgl. GL 2 Nr. 438; 5. Strophe: »Jesu Kreuz sei meine Hoffnung gegen jede Tyrannei, und durch seine Auferstehung ziehn wir aus der Sklaverei.«

(34) Vgl. Jer 25 »Das drohende Exil«.

(35) Vgl. 1 Petr 2, 24: »Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt.«

(36) Vgl. GL 2: Nr. 74, 1: »Wie könnte ich dich je vergessen, Jerusalem, du meine Freude? Wie könnte ich dich je vergessen, Jerusalem, du meine Freude.«

(37) Ps 130, V 5: »Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele, ich warte voll Vertrauen auf sein Wort.«

(38) Ps 130, V 8-9: »Denn beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle. Ja, er wird Israel erlösen von all seinen Sünden.«

(39) GL 2: Nrn. 593, 1 bis 8.

(40) GL 2: Nr. 9, 7.

(41) GL 1: Nrn. 7, 1 bis 7, 7.

(42) GL 1: Nr. 7, 6.

(43) GL 2: Nr. 9, 7.

(44) Vgl. KKK 1124: »Der Glaube der Kirche geht dem Glauben des einzelnen voraus, der aufgefordert wird, ihm zuzustimmen. Wenn die Kirche die Sakramente feiert, bekennt sie den von den Aposteln empfangenen Glauben. Deshalb gilt das alte Prinzip: »lex orandi, lex credendi« [...]. Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens; die Kirche glaubt so, wie sie betet. Die Liturgie ist ein grundlegendes Element der heiligen, lebendigen Überlieferung.«

(45) Röm 10, 14.

(46) Diese und die drei folgenden, als Zitat gekennzeichneten Stellen sind den verbalen Erläuterungen des Kommissionsvorsitzenden Bischof Dr. F. Hofmann auf der offiziellen Pressekonferenz zur Vorstellung des neuen »Gotteslobes« am 20.02.2013 in Trier zu den Strichzeichnungen innerhalb des Stammteiles entnommen. Video anschauen unter: www.youtube.com; Vorstellung neues Gotteslob – die offizielle Pressekonferenz; hochgeladen am 25.02.2013 von mainFrankenkatholisch.

(47) I. Instruktion »Inter oecumenici«; unter Abschnitt VII.: »Die Rolle der verschiedenen Teilnehmer in der Liturgie«; zu Art. 28 der Konstitution »Sacrosanctum concilium«.

(48) »Sacrosanctum concilium« – Konstitution über die heilige Liturgie; 04. Dezember 1963; Nr. 14.

(49) »Sacrosanctum concilium« – Konstitution über die heilige Liturgie; 04. Dezember 1963; Nr. 112.

(50) GL 2: Nrn. 126 bis 139.

(51) GL 2: Nrn. 166 bis 173, 2.

(52) Vgl. GL 2: 413 »Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe!«

(53) a.a.O.

(54) »Sacrosanctum concilium« – Konstitution über die heilige Liturgie; 04. Dezember 1963; Nr. 14.

(55) Missale Romanum, Editio Typica Tertia 2002; Arbeitshilfen, Nr. 215. Herausgegeben vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 2007.

(56) ebd.

(57) »Sacrosanctum concilium«; a.a.O., Nr. 14.

(58) a.a.O.

(59) GL 2: Nrn. 30 ff.

(60) Schott-Meßbuch; in verschiedenen Ausgaben für Sonn- und Festtage der verschiedenen Lesejahre und für die Wochentage verschiedener Lesejahre; Freiburg im Breisgau: Herder, 1982.

(61) GL 2: Nr. 63, 2.

(62) GL 1: Nr. 527, 5; GL II: Nr. 517.

(63) GL 1: Nr. 725, 1.

(64) GL 1: Nr. 723, 1-4.

(65) GL 2: Nr. 651, 3 + 4 Verse 2-11; Nr. 651, 5 + 6 Verse 12-23.

(66) Mediatio und Terminatio bezeichnen die Mittel- bzw. die Schlußkadenz der Psalmodie, des zu singenden Psalmmodells.

(67) GL 2: Nr. 651, 5.

(68) GL 2: Nr. 39, 1 + 2 Verse 12-23.

(69) Vgl. GL 2: Nrn. 177 bis 180.

(70) GL 1: Nr. 783, 5.

(71) »Perfectae caritatis«, Nr. 25.

(72) »Presbyterium Ordinis«, Nr. 18.

(73) »Lumen Gentium«, Nr. 60.

(74) GL 2: Nr. 10.

(75) GL 2: Nr. 10, 2.

(76) »Unitatis redintegratio«, Nr. 15.

(77) www.dbk.de: Pressegespräch 034a; auf der Frühjahrs-Vollversammlung am 20.02.2013 in Trier.

(78) GL 1: Nr. 27, 2.

(79) Vgl. GL 2: Nr. 556, 4.

(80) GL 1: Nr. 762, 5.

(81) GL 1: Nr. 27, 3.

(82)  GL 2: 677, 8.

(83) ebd.

(84) Daniel Deckers, »Das neue Gotteslob: Großer Wurf«, FAZ, 21.03.2013.

(85) www.gotteslob.bistum-wuerzburg.de/fragen-und-antworten

(86) GL 1: S. 206.

(87) GL 2: Nr. 26, 1.

(88) Zum Vergleich: GL 1: Nrn. 77 bis 80; GL 2: Nr. 28, 1 bis 9.

(89) »Sacrosanctum concilium«; a.a.O. Nr. 1 des Vorwortes.

(90) ebd.

(91) fergebnisse, S. 25/29.

(92) ebd.

(93) Mit Lebenserfahrung und mathematischer Fähigkeit zur Überschlagsrechnung wird mit folgendem Zitat von Wolfgang Bretschneider erahnbar, in welchen finanziellen Dimensionen sich die Entwicklung des Projektes »Neues Gotteslob« bewegt: www.anzeiger-fuer-die-seelsorge.de; Link: bisherige Hefte; Heft 12-2013; Wolfgang Bretschneider: Einfach gut; diesen Beitrag online lesen: »Die AG 1 [Arbeitsgemeinschaft 1 als eine von 10 AGs insgesamt (!); Anm. d. Verf.] hatte den Auftrag, ›Geistliche Lieder christlicher Prägung mit strophisch metrischem Bau, zum Gebrauch in der Gemeinde geeignet, und Hymnen‹ (vgl. R. Mailänder, in: Kirchenmusik im Erzbistum Köln, 1, 2013, S. 21-24) auszuwählen. Die Gruppe bestand aus acht Mitgliedern, jeweils vier aus Österreich und Deutschland. Im Juli 2004 kamen sie zum ersten Mal zusammen, danach noch 41 Mal, jeweils für zwei bis vier Tage. Ein enormer Zeitaufwand!«

(94) Video unter: www.youtube.de; dort: Kardinal Schönborn über die Einführung des neuen »Gotteslob« zum Adventbeginn 2013; hochgeladen von: kathkircheaustria; am 11.11.2013.

(95) Slogan einer Werbekampagne für das ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) der Münchner Agentur ServicePlan; 1999.

(96) Vgl. Deckers, a.a.O.

(97) www.dbk.de: Pressegespräch 034a; auf der Frühjahrs-Vollversammlung am 20.02.2013 in Trier

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Reaktionen auf Faktencheck GL 2

 

Die geistig-geistlich lahme „Modernität" des neuen GOTTESLOBS


In der TAGESPOST vom 7. 9. 2013 berichtet J. García von der Vorstellung des neuen GOTTESLOBS (NGL) durch Kardinal Woelki. In der neuen Ausgabe, so wird der Kardinal zitiert, sei „es gelungen, die ganze Fülle von Schätzen und Traditionen, von Altem und Neuem abzubilden." Optimistisch eingestimmt, liest man weiter und erfährt vom Kardinal, daß im NGL nur das 2. Hochgebet zu finden ist. Grund sei, daß die vom Papst seit Jahren geforderte richtige Übersetzung der Wandlungsworte erst „in letzter Minute“ gebilligt worden sei und als „Kompromiß“ nur der 2. Kanon aufgenommen wurde. Was nun die Wandlungsworte mit einer Festlegung auf den 2. Kanon zu tun haben, möge verstehen, wer es kann. Vielleicht ging es in der Kommission so zu: Wer dem Hl. Vater gehorcht und die Regeln des Griechischen und Lateinischen nicht für irrelevant betrachtet, kriegt (zur Strafe?) nur das 2. Hochgebet.

Daß im NGL der Römische Ritus in der außergewöhnlichen Form fehlt, also der Schatz einer mehr als 1500-jährigen Tradition behandelt wird, als gäbe es ihn nicht, ist da freilich konsequent. Die Chance einer von Papst Benedikt so geforderten Achtung und Pflege der überkommenen Liturgie und sein Wunsch des gegenseitigen Austauschs im Sinne einer Versöhnung und Bereicherung, diese Chance ist vertan und belegt wieder einen renitenten Eigensinn und Ungehorsam. So weit, so traurig. Es sei nicht bestritten, daß im NGL Schätze zu finden sind. (Sie sollen an anderer Stelle gewürdigt werden.) Ehe man aber zu ihnen vordringt, ist der Weg mit Barrieren verstellt.

Schon die Umschlagszeichnung, die das Kreuz – sollte es tatsächlich eins sein? – zu einer beschwingten Tanzfigur entweiht, markiert eine neue Theologie spielerischer Belanglosigkeit. Anders, aber nicht weniger schlimm, die Kreuzeszeichnung bei Nr. 683,1. Die Fallhöhe von anderen Darstellungen des Kreuzesleidens Christi zu diesem „Kreuz“ ist nur blasphemisch zu überbieten. Um einer depressiven Stimmung abzuhelfen, versorgen uns die Herausgeber aber immer wieder mit lückenfüllenden Kritzeleien, die, Zustimmung vorausgesetzt, einen Katholiken kulturell nicht mehr satisfaktionsfähig erscheinen lassen. Im Ernst: Als meine erwachsene Tochter das NGL vom Tisch nahm und aufschlug, erschrak sie, weil sie annahm, ihr einjähriges Kind habe mit einem Stift im Buch gearbeitet (siehe z. B. bei Nr. 175 oder bei Nr. 490). Auf anderem Niveau und wer weiß wen inspirierend, dann das mit Insektenfühlern versehene Bett unter einem Gebet zum Hl. Geist (Nr. 7,4).

Zu den von Kardinal Woelki gelobten Schätzen sollten zweifellos auch die Lieder gehören. Einen dieser Schätze suchten wir im Register und freuten uns, unter Nr. 831 (Ausgabe Bistum Aachen) „Fest soll mein Taufbund immer stehn“ zu finden. Tröstend und stärkend gegen die relativistische Auflösung, heißt es, wie wir uns erinnerten, in ihm weiter: „Ich will die Kirche hören. Sie soll mich allzeit gläubig sehn und folgsam ihren Lehren. (…) Nie will ich von ihr weichen.“ Wer nun 831 aufschlägt, erlebt eine Überraschung. Ja, der Eingangsvers steht da, aber entpuppt sich schnell als betrügerisches Etikett. Es folgt nämlich nicht der bekannte Text von 1810, sondern die garantiert konfliktfreie Harmlosigkeit einer dichtenden Dame von 2006. Da steht nichts Falsches, aber das Nicht-mehr-Gesagte, weil offenbar als überholt oder unerträglich empfundene Ausgelassene zeigt das ganze Elend einer geistig-geistlich lahmen und zugleich höchst durchsetzungsstarken „Modernität“. Heute soll der Christ, mindestens im Bistum Aachen, nicht mehr singen, daß er der Kirche als Stiftung Christi in unverbrüchlichem Gehorsam zugehören will. Daß auch die „alte“ zweite Strophe exiliert ist, verwundert nicht, denn die „Seligkeit, getauft zu sein“, ist nicht mehr „in“. (Gerade diese Strophe wurde jedes Jahr im Aachener Dom in der Osternacht gesungen.)

Wer ist verantwortlich, daß sich Frau Sch. an Text und Sinn des kraftvollen Liedes vergreifen darf? Wer sind die Agenten dieses Ausweichens vor dem Konkreten (vor Gehorsam, vor dem Wahrheitsanspruch der Kirche, vor der pastoralen Pflicht der Führung), dem Ausweichen ins konfektionell Nette („mit Gott durchs Leben gehen“)? Die Sorge, daß hier ein Trend zur Banalisierung, zu einem Taufbekenntnis „light“ maßgebend wird, scheint nicht von der Hand zu weisen, wenn man weiterhin feststellen muß, daß über 30 bisher oft und gern gesungene Lieder, wirkliches „Liedgut“, in der Neuausgabe (wenigstens im Bistum Aachen) fehlen. So rigoros ist man mit trivialem Unfug nicht verfahren. Statt, um nur ein Beispiel zu nennen, „Send Deinen Geist, Herr Jesu Christ, der unser Trost und Anwalt ist“, was wir nun nicht mehr singen sollen, bleibt uns das „kleine Senfkorn Hoffnung“ samt der „kleinen Träne“ erhalten. (Selbst in dieser Dekadenz mag ein prophetischer Witz vorhanden sein.)

Es wäre sicher ungerecht, nach diesem zugegeben sehr eingeschränkten Blick auf das NGL Mephisto zuzustimmen, der am Ende des faustischen Projekts klagte: „Ein großer Aufwand, schmählich! ist vertan.“ Daß aber manches vertan wurde, zeigt sich doch. Wie schön wäre es, hätte der Kardinal recht gehabt und wir hätten jetzt ein Buch mit der „ganze(n) Fülle von Schätzen und Traditionen“! Wir haben es nicht!

Paul Blasel

 

Aachener Marienlied »Ave Maria Kaiserin« im neuen Aachener GOTTESLOB eliminiert 
 

Aachener Gnadenbild, 14. Jh.Das alte und in Aachen beliebte Marienlied »Ave Maria Kaiserin«, das zur Verehrung des im Aachener Dom befindlichen Gnadenbildes entstanden ist und auf ein altes, aus dem 15. Jahrhundert stammendes Pilgerlied der Aachener Heiligtumsfahrt zurückgeht, wurde nicht in das neue Aachener GOTTESLOB aufgenommen. Die bekannten traditions- und geschichtsvergessenen Gründe sollen hier nicht diskutiert werden, reichen aber keinesfalls aus, um ein solch ehrwürdiges Lied in der Versenkung verschwinden zu lassen, zumal nichts Adäquates als Ersatz bereit steht. Das mittelalterliche Pilgerlied erklingt heute noch, täglich mehrmals, vom Glockenspiel des Aachener Rathauses.

Die Melodie des Liedes komponierte der bedeutende Aachener Domkapellmeister Prälat Prof. Theodor Bernhard Rehmann (1895-1963), dessen 50. Todestages erst kürzlich gedacht wurde, in Anlehnung an ein uraltes Aachener Pilgerlied. Den Text dieses Pilgerliedes kann man auf einer Inschrifttafel (Photo) an einem bis heute existierenden Wachtturm des Aachener Landgrabens (um 1410 erbaut) lesen, an dem seinerzeit die Wallfahrer auf dem Weg nach Aachen zur Gottesmutter und zu den altehrwürdigen Aachener Heiligtümern (für den umstrittenen Aachener Diözesanbischof Mussinghoff sind es „Plörren“, s. Weihnachtsausgabe »Aachener Zeitung«, 24.12.2013) vorbeigezogen sind.

Der Text lautet in freier Übersetzung:

»Ave Maria, Kaiserin, du bist zu Aachen ein Helferin; zu dir wallt froh manch fremder Gast: Gnad dem, den du geführet hast.«

Die zweite bis vierte Strophe entstand in Rehmanns Umfeld. In der »Kirchenzeitung für das Bistum Aachen« vom 15. Juli 1951 berichtet Rehmann über die Entstehung des Liedes (altes Aachener GOTTESLOB Nr. 960) folgendermaßen: »Es war vor etwa 19 Jahren [1932]; die Aachener Diözese war wieder neu erstanden; der erste uns wieder gesandte Oberhirte, Bischof Vogt, wußte als echtes Kind der Aachener Heimat sehr wohl um die feinen Saiten der Seele seiner Aachener; zum Klang dieser besonders fein gestimmten Saiten singt der Aachener seine echte alte Liebfrauenminne. Nach einer marianischen Feier im Dom äußerte Bischof Vogt ganz spontan: ›Wir müßten doch eigentlich ein besonderes Aachener Marienlied haben. Sie sind der Nachfolger von Nekes; da können Sie doch sicher auch so was machen.‹ Was so scheinbar salopp, aber herzlich und vertrauensvoll gesagt war, war ein Ehrenauftrag, den zu erledigen ich durch vielerlei Verpflichtungen immer wieder verschob. Plötzlich stand der Namenstag des Bischofs im Jahre 1932 vor der Türe. Ich ahnte, daß der Bischof mich bei der feierlichen Zusammenkunft fragen würde: ›Nun, Herr Kapellmeister, wie steht es mit meinem Marienlied?‹ Ich rüstete mich darum am Vorabend des Festtages und brachte in einem Zug das Lied [...] hin.

Wachtturm Alt-Linzenshäuschen bei AachenIn der ersten Strophe ist es sprachlich eine Anknüpfung an den Alt-Aachener Wallfahrtsspruch, der im 15. Jahrhundert auf eine Tafel des Wachtturms Linzenshäuschen gemeißelt wurde als Willkommensgruß für die Wallfahrer aus dem Lande Obermaas und der Wallonie. Das entscheidende aufstrebende melodische Motiv des Liedes wurde genommen aus einem mehrstimmigen Satz des 17. Jahrhunderts, dem der alte Wallfahrtsspruch, offenbar im glücklichen Zufall, angepaßt worden war. Nun war der Namenstagsmorgen da; prompt kam die Frage des Bischofs, wie erwartet, nun aber gestellt in der bei ihm bekannten Schalkhaftigkeit, weil er glaubte, ich hätte das Lied wieder nicht bereit. Es war aber nun da. Ich mußte es vorsingen, es wurden schnell einige Abschriften gemacht, und noch andere Gäste der Festrunde beteiligten sich an der ›Uraufführung‹ des Liedes. […]

Beweggrund: So zufällig der Anlaß scheint, so sehr doch auch war das Lied getragen von tiefen, uns in jenen Tagen bewegenden Impulsen. Jeder, der etwas Gefühl für Zeitströmungen hatte, wußte um den Vulkan, der unter der Decke bürgerlicher Geruhsamkeit, besonders in Deutschland, drohte: ein geahntes Unheil, das alle wachen Menschen Ausschau halten ließ nach fester Stütze: Daß unter dem Schutz der Gottesmutter der Bischof einmal besonderer Halt in schweren Zeiten sein müßte, fand in der zweiten Strophe des Liedes, wohl verstanden 1932, seinen Ausdruck; daß die hohe Gestalt ›Unserer lieben Frau‹ dem deutschen Volk in besonderer Weise als Zeichen des Heils gesetzt sei, war das Gebet der dritten Strophe; und daß darüber hinaus in einem auf der ganzen Welt entfachten Gottesstreit die bedrängte Christenheit in Maria Schutz und Schirm finde, war das Anliegen der vierten Strophe.

Die rechte Sangesart: […] Unsere Liedweise kommt her aus der alten königlichen dorischen Tonart der Griechen; diese Tonart wurde von jeher zum Ausdruck besonderer Majestät und Würde verwandt. Das Lied darf allerdings nicht wie ein schwerfälliger Trauergesang gesungen werden, sondern muß in recht beschwingten Vierteln genommen werden; so in der Verbindung des Dorischen mit beschwingtem Tempo erfährt das Lied gerade jene Eigenart von lichter Freudigkeit und strenger Würde, die ja auch den besonderen Reiz des mittelalterlichen Madonnenbildes ausmacht.«

Das beliebte Aachener Marienlied »Ave Maria Kaiserin« steht HIER (PDF) als Download zum Ausdrucken und Einkleben oder Einlegen in das neue Aachener GOTTESLOB (Format 17 x 11 cm) zur Verfügung.