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»Der Gebrauch der lateinischen Sprache soll in den lateinischen Riten erhalten bleiben.«
(II. Vatikanisches Konzil, Konstitution über die Heilige Liturgie »Sacrosanctum Concilium«, Art. 36 § 1)

       Aufsatz eines KANTORSTABS
                      um 1420/70

»Die Kirchenmusik muß in höchstem Maße die besonderen Eigenschaften der Liturgie besitzen, nämlich die Heiligkeit und die Güte der Form; daraus erwächst von selbst ein weiteres Merkmal, die Allgemeinheit. Diese Eigenschaften finden sich in  höchstem Maße im Gregorianischen Choral, besitzt in vorzüglichem Maße auch die klassische Polyphonie. Eine Kirchenkomposition ist um so heiliger und liturgischer, je mehr sie sich in Verlauf, Eingebung und Geschmack der gregorianischen Melodik nähert; und sie ist um so weniger des Gotteshauses würdig, als sie sich von diesem höchsten Vorbild entfernt.« 

(Papst Pius X., Motu proprio zur Kirchenmusik »Tra le sollecitudine« vom 22. November 1903)

»Die Pflege der Kirchenmusik hat unter Förderung und Leitung durch die Kirche im Laufe der Jahrhunderte einen weiten Weg zurückgelegt, auf dem sie allmählich zu Vollkommenerem sich erhob. Und wenn solcher Fortschritt der Tonkunst klar zeigt, wie sehr der Kirche daran lag, den Gottesdienst immer glanzvoller zu gestalten, so tut er auch kund, warum die Kirche gleicherweise wiederholt verhindern mußte, daß die rechten Grenzen überschritten würden und zugleich mit dem wahren Fortschritt sich etwas Weltliches und dem heiligen Kult Fremdes in die Kirchenmusik einniste und sie verderbe.«


(Papst Pius XII., Enzyklika über die Kirchenmusik »Musicae sacrae disciplina« vom 25. Dezember 1955)


Te Deum [Alternatim] - Pierre Cochereau / Maîtrise de Notre-Dame - Quelle: youtube


Neue Webseite: LITURGICAL ARTS JOURNAL


Martin Mosebach: Heilige Gewohnheit – Das Geheimnis der Wiederholung

„Kyrie eleison” wird in der überlieferten lateinischen Liturgie drei Mal gesungen, gefolgt von ebenso dreimaligem „Christe eleison“, worauf sich wiederum ein dreimaliges „Kyrie eleison“ anschließt. Die Reform hat jeweils eine Anrufung aus jedem Block gestrichen – ohne Zweifel, um der Anweisung der Konzilsväter zu folgen, „unnötige Wiederholungen“ zu meiden. Aber ist man da weit genug gegangen?

Wieso ist eine zweifache Wiederholung weniger unnötig als eine dreifache? Könnte man hier nicht ohne Weiteres noch radikaler vorgehen? „Kyrios“ und „Christus“ ließen sich doch sinnvollerweise zusammenfassen, weil mit beiden Wörtern ja dieselbe Person gemeint ist – genügte da nicht ein einmaliges „Kyrie Christus eleison“? Mehr...


Augsburger Komponist Karl Erhard verstorben R. I. P.

Karl Erhard, am 15. Mai 1928 in Augsburg geboren, erhielt schon in jungen Jahren praktischen und theoretischen Musikunterricht bei dem unvergessenen Augsburger Domorganisten Karl Kraft. Nach Wehrdienst, Kriegsgefangenschaft und Abitur studierte er Klavier, Orgel, Tonsatz und Komposition bei Karl Kraft, Arthur Piechler und Wilhelm Heckmann am Leopold-Mozart-Konservatorium in Augsburg und an der Akademie der Tonkunst in München.

Nach Chorleiter- und Organistendiensten in Augsburg war Erhard von 1954 bis 1980 Chordirektor und Organist an der Klosterkirche in Dießen am Ammersee, daneben zeitweise auch Chordirektor in Murnau. Das liturgisch-musikalische Programm jener Jahre, wie es heute nicht einmal mehr an den meisten Kathedralkirchen zu finden ist, zeigt Erhards vorbildlichen kirchenmusikalischen Einsatz. Die wichtigsten kleinen und großen Messen von Ockeghem, Senfl über Palestrina, Lasso und Hassler bis hin zu Haydn, Mozart und Schubert, um nur eine Auswahl zu nennen, erklangen Sonntag für Sonntag in den Dießener Pfarrgottesdiensten unter Erhards Stabführung. 1955 wurde er als Dozent für Tonsatz, Musiktheorie und Orgelimprovisation an das Leopold-Mozart-Konservatorium in Augsburg berufen, wo er bis zu seiner Pensionierung 1992 tätig gewesen ist.

Erhards Kompositionsstil orientiert sich am musikalischen Erbe, charakteristischstes Merkmal sowohl seiner vokalen als auch seiner instrumentalen Kompositionen ist die polyphone Anlage. Seine geistlichen Chorwerke sind größtenteils modal gearbeitet, der Gregorianische Choral bildet die melodische Basis. Der Psalm 92 (1952), das Wessobrunner Gebet (1953), die Ordinariums- und Requiem-Vertonungen sind von Erhards jahrelanger Chorleiter-Erfahrung geprägt. Die fundierte Kirchenmusikpraxis spiegelt sich auch in seinem Orgelwerk wider, das viele Choralvorspiele aufweist. Bachs Ureinfluß bleibt in der polyphonen Anlage und der Fugentechnik bis heute bemerkbar: Toccata und Fuge (1955), Passacaglia und Fuge (1976), Fantasie und Fuge (1980). In der Toccata breve (1985) arbeitet - 2 Erhard durchaus auch zwölftönig, sie behält aber den konzertanten Stil der Gattung bei. Als Auftragswerk erklang 1985 zur 2000-Jahr-Feier der Stadt Augsburg die Invention für großes Orchester. In der Kammermusik zeigt Erhard sich anfangs von Hindemith inspiriert, läßt aber auch die Klanglichkeit Alban Bergs vernehmen, wie im Bläserquintett, für das er 1978 den 2. Preis im schwäbischen Kompositions-Wettbewerb erhielt. Erhard schrieb aber nur zwölftönig, „solange es die Musik nicht verdirbt, sie muß in sich stimmen“. Diese Überzeugung schlägt sich auch in der Ballett-Musik nieder, die in der Folge seiner Tätigkeit als Ballett-Korrepetitor entstanden ist. Seine größten Werke sind die Orchestersonate für Englischhorn und Streicher (1976), die Vater-unser-Kantate für Soli, Chor, Orchester und Orgel (1980) und die lateinische Messe für zwei Chöre a cappella (1986), die dem Augsburger Domchor und den Augsburger Domsingknaben und ihren Leitern Rudolf Brauckmann und Reinhard Kammler gewidmet ist.

Karl Erhard starb am vergangenen Dienstag, 17. Oktober 2017. R. I. P.


Klingende Liturgie

Anspruch, Wirklichkeit und Chancen des Gregorianischen Chorals als Garant liturgischer Kontinuität

von Krystian Skoczowski

Die Musik – so sagt es nicht zuerst, aber auch die Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils – ist pars integralis, also ein wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie.(1) Die Kirche sieht die liturgische Musik also nicht vordergründig als ein gefühliges Ambiente, nicht als den unvermeidbaren Kitsch, den die Leute wollen und den man ihnen zugestehen muß, nicht als das Medium, mit dem man zielgruppenorientiert Menschen in die Kirche locken kann, nicht als das Feld, auf dem sich vorrangig der Künstler verwirklichen und ein sicheres Publikum erreichen kann, auch nicht als ein notwendiges Übel, dessen Verstummen ungeduldig zu erwarten wäre – nein: die Musik soll ein »wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie« sein und wird von der Kirche als solcher definiert!

Aus der genannten Aufzählung von Mißverständnissen im Umgang mit liturgischer Musik geht hervor, daß die Musik diesem hohen Anspruch nicht ohne Weiteres gerecht wird, sondern daß sie dafür bestimmte Voraussetzungen erfüllen muß. Der hl. Papst Pius X. formulierte diese Voraussetzungen im Jahr 1903 in seinem Motu Proprio Inter pastoralis officii anhand dreier Kriterien für den wesentlichen Charakter liturgischer Musik: Heiligkeit, Güte der Form, Universalität.

1) Heiligkeit: Kirchenmusik soll anders sein als weltliche Musik. Sie soll die Würde und Erhabenheit der liturgischen Handlung klanglich widerspiegeln. Kirchenmusik soll also dem spezifischen Anspruch der Liturgie gerecht werden, in die höchsten Sphären vorzudringen. Der irdische Klang soll sich in der Liturgie mit dem Klang der Engelschöre im Himmel vereinen, und deshalb soll die Kirchenmusik himmlisch und nicht irdisch sein.

2) Güte der Form: Kirchenmusik soll handwerklich gut sein. Gut gemeint reicht nicht. Es gibt objektive Kriterien für musikalische Qualität – sowohl aufseiten der Komposition als auch für die Ausführung von Musik: formale Ausgewogenheit, Übereinstimmung des Satzes mit den Konventionen gehobener Musizierpraxis – saubere Intonation, Deutlichkeit des Vortrags, das rechte Maß in Geschwindigkeit und Lautstärke usw. Kirchenmusik soll künstlerischen Ansprüchen also ebenso entsprechen wie den kirchlichen.

3) Allgemeinheit / Universalität: Die Kirchenmusik soll so beschaffen sein, daß es jeder Hörer erfassen kann, daß sie beide zuerst genannten Kriterien erfüllt. Pius X. dachte im Jahr 1903 bei dieser Bedingung zuerst an die Unterschiede zwischen der klassischen europäischen Musik und der Musik außereuropäischer Kulturen. Ohne ihren künstlerischen Wert zu bezweifeln, erschienen ihm manche musikalischen Eigentraditionen dieser Länder für die Liturgie zum Teil als ungeeignet, da sie von Menschen anderer Kulturen möglicherweise nicht als heilig und gut erkannt würden. Durch die Globalisierung der Musikkulturen in den vergangenen Jahrzehnten greift diese Abgrenzung von Musiktraditionen nach Ländern und Kontinenten zweifellos nicht mehr so pauschal wie im Jahr 1903, umso mehr hat sie aber Sinn zwischen Genres, Stilen und Musikrichtungen.

Der hl. Papst Pius X. sieht diese Eigenschaften in keiner anderen Musik so ideal verwirklicht wie im Gregorianischen Choral, der für Menschen unterschiedlichster Herkunft und Bildung als heilig und gut erkennbar ist – vorausgesetzt, daß er im Geiste dieser Heiligkeit und musikalisch gut gesungen wird.

Anspruch

Der Gregorianische Choral ist demnach das ästhetische Leitbild für jegliche Kirchenmusik. Pius X. formulierte es so: »Die Kirchenmusik muß in höchstem Maße die besonderen Eigenschaften der Liturgie besitzen, nämlich die Heiligkeit und die Güte der Form; daraus erwächst von selbst ein weiteres Merkmal, die Allgemeinheit. (...) Diese Eigenschaften finden sich in höchstem Maße im Gregorianischen Choral (...). Eine Kirchenkomposition ist um so heiliger und liturgischer, je mehr sie sich in Verlauf, Eingebung und Geschmack der gregorianischen Melodik nähert; und sie ist umso weniger des Gotteshauses würdig, als sie sich von diesem höchsten Vorbild entfernt.«(2)

Wenn wir in diesem Zusammenhang von einem ästhetischen Leitbild sprechen, meint der Begriff Ästhetik weit mehr als eine wandelbare geschmackliche Vorliebe oder ein Schönheitsideal, das dem Wechsel der Zeitläufte unterworfen wäre. Der Begriff Ästhetik verweist hier vielmehr auf das, was der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorksi im Jahr 1989 »die tiefsten Wurzeln des Europäertums« nannte: »(...) das antike Ideal, wo eine Dreiheit über die Harmonie entscheidet: das Wahre, das Gute und das Schöne. Was wahr ist, ist gut, was gut ist, ist schön, und was schön ist, ist wahr.«3 Der Dreiklang Heiligkeit, Güte der Form, Universalität, den Pius X. als Leitbild für die Kirchenmusik vor 114 Jahren benannte, ist also verwandt mit dem antiken Dreiklang des Wahren, Schönen und Guten, der seinerseits im Begriff der Harmonie der mittelalterlichen Kunst- und Musikanschauung seine Übersetzung ins Christliche fand. Die allegorische Bedeutung der Harmonie in der Musik für das Leben und das Glaubensleben des Christen zieht sich wie ein roter Faden durch die musiktheoretischen Schriften des Mittelalters: Harmonie meint in diesem Sinne die Einheit des Schöpfers mit seinen Geschöpfen, der Wohlklang der Liebe Gottes zum Menschen und – daraus hervorgehend – die Konsonanz unserer Liebe zu Ihm und untereinander. Die geistesgeschichtlichen Rhythmen, in denen diese Gedanken pulsieren, werden nicht in Jahren und Jahrzehnten, sondern in Jahrhunderten und Jahrtausenden gemessen.

Geschichte

Seit etwa 1.400 Jahren begleitet der Gregorianische Choral das Leben der Kirche. Und er ist sicher nicht plötzlich in der Liturgie aufgetaucht, sondern organisch in der Liturgie gewachsen. Der Gregorianische Choral faßt liturgische Texte in Musik: sein Repertoire besteht aus gesungen Gebeten, denen die Kirche einen bestimmten Platz in ihren Feiern zugewiesen hat. Der Choral ist selbst Liturgie und in diesem Sinne ihr wesentlicher, also substanzieller Bestandteil. Das Graduale Romanum, das Liber Usualis etc. sind keine Gesangbücher, die Lieder enthalten, aus denen nach mehr oder weniger begründbaren Kriterien das eine oder andere ausgewählt werden kann. Diese Bücher stellen in ihrer Gesamtheit vielmehr eine in sich geschlossene Ordnung dar, denn sie sind dazu geeignet, jedem Tag im Jahr der Kirche eigene Töne zu verleihen. Der Gregorianische Choral ist der in Klang eingekleidete Gebetskalender der Kirche. Und als solcher wird er in den Klöstern seit Jahrhunderten gesungen, gebetet, gelebt. Allein damit ist der gregorianische Choral die Verkörperung der »klingenden Kirche« und ein Garant liturgischer Kontinuität.

Der Choral hat in den vergangenen 1400 Jahren eine musikgeschichtliche Entwicklung begleitet, die im Wechsel der Vielfalt ästhetischer Ideale kaum zu überschauen ist. Und obwohl sich die kulturellen Rahmenbedingungen und Musikauffassungen in den vielen Jahrhunderten immer wieder wandelten, wurde er zu allen Zeiten als universeller Träger von Heiligkeit und Güte der Form in der Liturgie geachtet. Nehmen wir hierfür nur drei Beispiele aus der langen Geschichte des Chorals und seiner Interpretation heraus:

1) Als an der Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert das Ordensleben mit der Gründung der Zisterzienser- und der Prämonstratenserorden einen neuen Impuls erhielt und es galt, von Neuem aus den Quellen des geistlichen Lebens zu schöpfen, nahm man selbstverständlich den liturgischen Gesang in den Blick. Die beiden genannten Orden, aber auch die Kartäuser und später die Dominikaner bearbeiteten den tradierten Choral und formten ihn um. Hinzu kam eine Fülle von Neukompositionen, die die Eigentexte der Ordensliturgien in ein musikalisches Gewand hüllten, das dem veränderten – in die Musikästhetik und Musikpraxis der eigenen Zeit und dem je eigenen geistlichen Profil integrierten – Choral entsprach.

2) Etwa fünfhundert Jahre später, infolge des Trienter Konzils richtete die Kirche den Blick auf den Choral als Träger des tradierten Glaubens und als klingendes Symbol für die Einheit der Kirche – sowohl der Einheit der Kirche von damals als auch der Einheit mit der Kirche aller früherer Zeiten. Auch jetzt ging es darum, den Choral in die zeitgenössische Musizierpraxis zu integrieren. Dem- entsprechend wurden die Melodien so bearbeitet, daß sie sich leichter in die Dur-Moll-Tonalität integrieren ließen, und so gekürzt, daß es möglich wurde, sie in lange gehaltenen Tönen zu singen und vom Generalbaß begleiten zu lassen.

3) Als sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts – nach einer Phase der Verfolgung und Bedrängung in vielen Teilen Europas – das monastische Leben neu formierte, war es wieder der Gregorianische Choral, der als geistliche Kraftquelle und als Lebensgerüst eines kirchlichen Aufbruchs fruchtbar wurde. Den Forschungsarbeiten der Benediktiner der französischen Abtei Solesmes und vieler anderer Choralforscher dieser Zeit ist es zu verdanken, daß wir heute auch außerhalb der Kloster- und Domkirchen Choral singen. Die in dieser Zeit entwickelte Singweise des gregorianischen Chorals, die mit der Herausgabe des Graduale Romanum von 1908 und des Antiphonale von 1912 der ganzen Kirche an die Hand gegeben wurde, hatte wieder zum Ziel, den Choral einerseits in die zeitgenössische Musikästhetik zu integrieren und seine besonderen Eigenschaften vor diesem Hintergrund deutlich werden zu lassen.

Es ist eine faszinierende Qualität des Gregorianischen Chorals, daß er in der ganzen Geschichte der Musik der westlichen Kirche stets als Träger des Wortes Gottes, als Träger des Gebets der Kirche und als klingendes Symbol der Heiligkeit und der Güte der Form verstanden wurde, obwohl sich die ästhetischen und kulturellen Rahmenbedingungen stets wandelten und mitunter sogar von schroffen Brüchen gekennzeichnet waren. Der Choral hat sich also schon vielfach als Garant liturgischer Kontinuität – ja allgemeiner und grundsätzlicher: als Garant geistlicher, religiöser, christlicher Kontinuität erwiesen und bewährt.

Wirklichkeit

Der historische Rückblick auf die jüngst vergangenen Jahrzehnte offenbart, daß sich die ästhetischen und kulturellen Rahmenbedingen zur Zeit der Liturgiereform nach dem II. Vatikanischen Konzil fundamental verändert haben. Allgemein formuliert haben im gesellschaftlichen Leben der Freiheitsanspruch und die Autonomie des Individuums gegenüber seiner Eingebundenheit in gesellschaftliche Normen und Konventionen eine wesentlich höhere Bedeutung bekommen. Im Wechselspiel von Selbstverwirklichung und der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung hat das individuelle Bedürfnis des Einzelnen einen deutlich höheren Stellenwert erlangt.

Gleichzeitig wurde der Kulturbegriff stark erweitert. Parallel zur gesellschaftlichen Entwicklung legt der Künstler seine Bindungen an Konventionen ab und definiert seinen Platz in der kulturellen Vielfalt autonom durch sein individuelles Wirken. Was wahr, schön und gut ist, wird nicht mehr durch gemeinsame Konventionen – geschweige denn durch eine kulturelle Tradition definiert. Diese Kriterien verlieren an Bedeutung. Das künstlerische Wirken wird ästhetisch haltlos: anything goes wird zum Leitspruch der Postmoderne.

Hierzu ein Exkurs in den Bereich der Oper:

Diese Kunstform ist bei der Analyse der gegenwärtigen kulturellen Situation besonders aufschlußreich, da sie gleich mehrere Sparten in sich vereint: Musik, Schauspiel und ansatzweise auch die bildende Kunst, soweit es die Gestaltung der Szene mit Bauten, Bild, Video etc. betrifft.

Beim Besuch deutscher Opernhäuser ist es oft zu erleben, daß das schauspielerische Geschehen auf der Bühne mit den Ideen von Libretto und Partitur nichts zu tun hat, eine andere Geschichte erzählt oder Einzelaspekte der inneren Handlung zum Ausgangspunkt einer mitunter sehr weit gehenden Neuinterpretation genommen werden. Dabei werden die Intentionen des Librettisten und des Komponisten, die in vielen Werken in einer fruchtbaren Wechselwirkung miteinander stehen, ignoriert oder sogar ins Gegenteil verkehrt. Um den Anachronismus auf die Spitze zu treiben, wird dieser von künstlerischer Ignoranz und Opposition bestimmte Ansatz häufig auf einem musikalischen Niveau präsentiert, das höher nicht sein könnte! Angesichts des enormen Aufwands, der mit einer Operninszenierung verbunden ist, kann wohl kaum eine andere Kunstform für sich in Anspruch nehmen, die ästhetische Orientierungs- und Haltlosigkeit unserer Zeit so deutlich und so monumental zu verkörpern! Von der Verwandtschaft dieser Beobachtung mit der realen Situation in vielen heutigen Liturgien wird noch zu reden sein.

Das Musikleben unserer Zeit ist sowohl im professionellen Bereich wie auch in der Laien- bzw. Breitenförderung einerseits von einem sehr hohen Ausbildungs- und Praxisniveau bestimmt, andererseits aber auch von einer in den vergangenen 1500 Jahren noch nicht dagewesenen Zersplitterung in unterschiedlichste Genres und Sparten. Im klassischen Bereich haben wir die besondere, historisch beispiellose Situation, daß die zeitgenössische Musik in der öffentlichen Wahrnehmung eine sehr untergeordnete Rolle spielt und das allgemeine Interesse sich auf die Vielfalt alter, älterer und ältester Musikformen richtet. In den jüngst zurückliegenden Jahrzehnten verschwimmen zudem mehr und mehr die Kriterien für die Abgrenzung zwischen den Sparten: klassische Musik, Unterhaltungsmusik, Volksmusik, volkstümliche Musik, Kult- und Weltmusik – alles liegt als Option nebeneinander und kann nach Belieben aus- oder abgewählt, an- oder ausgeschaltet werden. Selbstverständlich wirkt sich diese konsumistische Musikauffassung auch auf die Kirchenmusik aus.

Liest man die beiden anfangs erwähnten lehramtlichen Dokumente der Kirche – das Motu Proprio des hl. Papstes Pius X. und die Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils – und stellt die dort postulierten Aussagen der heutigen liturgischen Realität gegenüber, so muß man feststellen, daß sich auch hier die Prämissen de facto grundlegend gewandelt haben:

Die Liturgie ist in der Auffassung vieler – Priester, Kantoren und Laien – nicht mehr das aus der Tradition der Kirche geerbte heilige Geschehen, sondern eine frei gestaltbare Manifestation des Glaubens. Sie wird nicht mehr als ein gegebener formaler Rahmen akzeptiert, innerhalb dessen sich Priester und Gemeinde gemeinsam auszurichten haben, sondern als eine dialogische, kommunikative Veranstaltungsform, die einer an der Zielgruppe orientierten Gestaltung bedarf, damit sie als gelungen empfunden wird. Unter diesen Prämissen ist der Gregorianische Choral nicht mehr das Leitbild, sondern eine unter vielen Kunstformen, die unterschiedslos nebeneinander zur Wahl stehen. Zu der Zersplitterung und Aufweichung der Grenzen zwischen den Sparten kommt im kirchlichen Bereich der Verlust der Unterscheidung zwischen sakraler und weltlicher Kunst und Musik. Wenn die neue, de jure nicht vorgesehene, aber de facto herrschende Prämisse der Kommunikation in der Liturgie die Prämisse der kontemplativen Schönheit und der Repräsentanz von Heiligkeit verdrängt, hat der Gregorianische Choral natürlich verloren – allein schon aufgrund der lateinischen Sprache, die das Gesungene dem unmittelbaren kommunikativen Zugriff entzieht.

»Die Kirche betrachtet den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang; demgemäß soll er in ihren liturgischen Handlungen (...) den ersten Platz einnehmen.«(4) So definierte die Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils im Jahr 1963 den Rang des Gregorianischen Chorals in der Liturgie. Die Liturgiereform der hl. Messe entzog dieser Forderung zum Teil die Grundlage, da das erneuerte Meßbuch anstelle des Graduale nun einen Antwortpsalm, anstelle des Alleluia bzw. des Tractus nun einen Ruf vor dem Evangelium und – glaubt man dem deutschen Schott-Meßbuch – den Gesang des Offertorium gar nicht mehr vorsieht. Zweifellos ist es noch möglich, die entsprechenden Gregorianischen Gesänge an diesen Stellen in der Liturgie erklingen zu lassen, aber: anders als beim Introitus oder der Communio sind diese Gesänge nicht mehr substanzieller Bestandteil der Liturgie – ihre Texte stehen nicht mehr im Meßbuch. Damit verliert der Gregorianische Choral den sichtbaren Charakter der lex orandi, den er noch hatte, als wenigstens sein Text ein verbindlicher und damit wesentlicher Teil der Liturgie war.

Neben diesem Mangel an Integrität des Novus Ordo mit der Tradition des Gregorianischen Chorals begegnet uns in der liturgischen Praxis von heute eine völlig unüberschaubare Vielfalt ästhetischer Querstände. Gerade bei kirchlichen Großveranstaltungen – Papstbesuche, Katholikentage, Weltjugendtage, aber auch Wallfahrten, Bistumstage etc. – offenbaren sich in den musikalischen Programmen der vor großem Publikum gefeierten Liturgien die vielen Auswahlkriterien, Rücksichten und Überlegungen, die dem Geist und der lehramtlich definierten Norm der Liturgie zum Teil offen widersprechen. Die Orientierung am Musikgeschmack einer oder mehrerer Zielgruppen wiegt hier oft sehr viel schwerer als die lehramtliche Sicht auf die liturgische Musik und die daraus folgenden kirchliche Normen für die reale kirchenmusikalische Gestaltung der Liturgie. Auch in vielen Pfarrgemeinden spielen diese keine Rolle mehr: Sie gelten als nicht zeitgemäß und daher als entbehrlich: das ist nichts anderes als die kirchenmusikalische Postmoderne – anything goes.

Aus diesem Alles-ist-möglich, dessen Kehrseite freilich Nichts-ist-unmöglich heißt, lassen sich indessen neue Prämissen ableiten. Seit Jahren scheint die Vorgabe für die kirchenmusikalische Gestaltung der Liturgie darin zu bestehen, eine möglichst große stilistische Vielfalt abzudecken. Das Ideal wird gerade nicht in der künstlerisch gehobenen ästhetischen Einheit gesehen, die – mit welchen stilistischen Mitteln auch immer – dem der Liturgie innewohnenden Anspruch von Heiligkeit und Güte der Form möglichst nahe zu kommen sucht, sondern in einer Vielfalt der Stile und des musikalischen Ausdrucks, die möglichst viele Befindlichkeiten auffangen und möglichst alle Zielgruppen einmal angesprochen haben will. Daß die Zielgruppe »Liebhaber des Chorals und der klassischen Kirchenmusik« dabei weitgehend unberücksichtigt bleibt, kann nicht verwundern angesichts der mitunter dem Regietheater des Opernbetriebs verwandten Ignoranz und Oppositionshaltung mancher liturgischer Protagonisten gegenüber liturgischer Norm und künstlerischer Qualität. Die kirchenmusikalischen Institute bzw. Fachreferate für Kirchenmusik in den deutschen Diözesen geben zum Teil schon seit vielen Jahren Liedvorschläge heraus, die Pfarrern und Kirchenmusikern bei der Wahl der Musik im Gottesdienst helfen sollen. Diese Vorschläge folgen fast immer dem genannten Ideal der Vielfalt, wobei der Gregorianische Choral in der Regel keine besondere Rolle spielt, obwohl die Liturgiekonstitution gerade das ausdrücklich fordert.

Aber auch in der Praxis der klassischen Liturgie offenbart sich oft ein Verständnis vom Choral, das ihn nicht als wesentlichen Bestandteil der liturgischen Handlung sieht. Wenn zum Beispiel in der Fastenzeit aus Zeitgründen das Graduale und der Tractus ihrer melodischen Schönheit beraubt und nur in Form schlichter Psalmodie rezitiert werden sollen, dann zeugt dies von einem im Kern rubrizistischen Liturgieverständnis, das primär in den Kategorien von »richtig und gültig« aber weniger in denen von »heilig und gut« denkt. Oft wird auch hier der Gregorianische Choral nicht als der der Kirche eigene Gesang gesehen, der eine besonders sorgfältige Pflege verdient, sondern als ein ungeliebtes Relikt alter Zeiten, das die Liturgie unnötig in die Länge zieht und damit die letzten wohlmeinenden Gläubigen verschreckt.

Chancen

Sowohl in der erneuerten als auch in der klassischen Liturgie liegen Ideal und Wirklichkeit der Choralpraxis mitunter weit auseinander. Die Gründe sind hier wie dort vor allem in der besonderen kulturellen Situation zu suchen, in der sich unsere westlichen Gesellschaften zur Zeit befinden:

● Der ausgeprägte Individualismus,
● gepaart mit einem – im internationalen Vergleich – großen Wohlstand,
● die mangelnde Bereitschaft – auch in der Kirche – Verbindlichkeit und Strenge einzufordern bzw. zu akzeptieren,
● das Fehlen von politischen und gesellschaftlichen Visionen, zu denen sich die Kirche positionieren könnte,
● und ihre eigene, offensichtliche Ratlosigkeit im Umgang mit dieser historisch neuen Situation.

All das macht Luft sehr dünn, in der die liturgische Musik seit Jahrzehnten erklingt. Welche Chancen hat unter diesen Bedingungen der Gregorianische Choral? Um einen Ansatz für eine Antwort auf diese Frage zu gewinnen, sollen die Eigenschaften des Gregorianischen Chorals in aller Kürze näher betrachtet werden:

● Der Gregorianische Choral ist gesungenes Gebet. Seit vielen Jahrhunderten beten Christen mit diesen Tönen. Sie machten sich den Choral zu allen Generationen und Epochen zu eigen. Wenn wir heute Choral singen, werden wir damit zu Zeitgenossen und zu Mitbetern all jener, die vor uns gesungen haben und die nach uns singen werden. Der Gregorianische Choral vermag es, uns aus dem Jetzt und Hier herauszulösen und eine universelle Ebene erahnen zu lassen, deren Teil zu werden unsere Berufung ist: die ewige Herrlichkeit des Himmels, dessen sichtbare und hörbare Gestalt auf Erden die klingende Kirche ist.

● Die Texte des Gregorianischen Chorals sind fast ausschließlich in lateinischer Sprache, nur wenige Gesänge bedienen sich des Griechischen, der noch älteren Kultsprache der Kirche. Sie entziehen sich damit dem unmittelbaren Verständnis der Muttersprache. Viele dieser Texte, besonders die des hohen Mittelalters sind überdies inhaltlich so dicht verfaßt, daß sie auf mystische Art die Wahrheiten, die sie transportieren, ein weiteres Mal verschleiern. Das ist sowohl für den Sänger wie auch für den Hörer dieser Gesänge ein sinnlich erfahrbares Zeichen der Ehrfurcht vor der Größe dieser Wahrheiten.

● Der Gregorianische Choral ist Musik. Er folgt den Gesetzen der Kunst mit gleicher Strenge wie denen des Gebetes. Seine Melodien zeichnen sich durch ihre Ausgewogenheit und Gemessenheit im Fluß aus, sein Rhythmus schwingt frei und läßt sich fast nie in ein Zeitmaß fassen. Diese Eigenschaften und die Einstimmigkeit des Chorals erzwingen von seinen Sängern ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und gegenseitiger Achtung. Auch das ist wieder ein Sinnbild für die alles umfassende Harmonie, die ihren Ursprung in der Liebe Gottes zu uns Menschen hat und die für uns erfahrbar wird, wenn auch wir einander lieben: »Ubi caritas et amor, Deus ibi est.«

Mit diesen Eigenschaften ist der Gregorianische Choral nicht nur ein wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie, sondern wesenhaft ein tragender Baustein der klingenden Kirche. Er ist substantiell ein Teil unseres Glaubens. Die Tradition der Kirche hat ihn als solchen erworben, er wurde ihr von oben geschenkt – inspiriert. Schon im 9. Jahrhundert wird der hl. Papst Gregor der Große mit der Taube dargestellt: indem die Taube ihm die Melodien eingab, hauchte sie der Heilige Geist der Kirche ein, damit sie diesen Schatz als wesentlichen Teil ihres Glaubens und Betens bewahre. Die größte Bedeutung für die Bewahrung dieses Schatzes haben dabei ohne jeden Zweifel die Klöster. Die Heimat des Chorals ist das Kloster. Nur hier lebt man ganz in seinem Rhythmus. Nur hier können sich seine Inspiration als Gebet und seine Interpretation als Musik dauerhaft durchdringen und bewähren – wie überhaupt den Klöstern für die Bewahrung des Glaubens durch die Zeiten hindurch eine zentrale Bedeutung zukam und weiterhin zukommt.

Der Choral als Quelle lebendiger Liturgie

Der Gregorianische Choral ist kein statisches, sondern ein lebendiges Element der kirchlichen Tradition. Er ist der Herzschlag der Klöster. Und er ist ein Portal zur klingenden Kirche aller Zeiten, und das können seine Sänger und seine Hörer in der Liturgie erfahren. Für den, der ihn singend oder hörend betrachtet, wird er zum Verkündiger des Wortes Gottes, zum Missionar des Glaubens in einer glaubensschwachen Zeit. Wo auch immer Menschen mit ihm in Berührung kommen, verströmt er mit der Kraft des ganzen Glaubensgebäudes der Kirche den Geist der Liturgie. Als klingende Custodia trägt der gregorianische Choral den Glauben in einem kostbaren Gefäß aus Musik durch die Zeiten.

Zweifellos waren der kulturelle und der geistliche Boden, auf den der Gregorianische Choral seit Jahrhunderten fällt, in vielen Epochen fruchtbarer als heute. Aber da er seine Keimkraft – um im Bild zu bleiben – von einer nicht versiegenden Quelle bezieht, wird er weiter wachsen, Früchte tragen und als Garant liturgischer Kontinuität Bestand haben. Die Liturgie künftiger Generationen wird umso wirksamer von dieser Quelle genährt werden, wie sie den Gregorianischen Choral als ihre Pars integralis erkennt.

Anmerkungen
(1) Sacrosanctum Concilium 112.
(2) Hl. Papst Pius X, Motu Proprio Inter pastoralis officii (Tra le sollicitudini), 22. November 1903, 1 & 3.
(3) Andrzej Szcypiorski, Ansprache anläßlich der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises am 3. Dezember 1989, in: Notizen zum Stand der Dinge, Zürich 1990, S. 242.
(4) Sacrosanctum Concilium 116.

Quelle: UNA VOCE KORRESPONDENZ 2017, Heft 2, S. 266-274. Abdruck mit freundlicher Erlaubnis der Redaktion.


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Filmtipp: „Bach ist stärker als Mao“

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Robert Kardinal Sarah: „Selbstzerstörung der Kirche“



Gebet, Mysterium, Liturgie – und das Leben der Kirche: Zum 10. Jahrestag der Veröffentlichung des Motu proprio "Summorum Pontificum" von Papst Benedikt XVI. hat Kardinal Sarah, der Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, einen bemerkenswerten Text vorgelegt.

"Gewiss wollte das Zweite Vatikanische Konzil eine stärkere aktive Teilhabe des Volkes Gottes fördern und das christliche Leben unter den Gläubigen von Tag zu Tag voranbringen (vgl. Sacrosanctum Concilium, Nr.1). Gewiss sind in diesem Sinne wunderbare Initiativen entwickelt worden. Dennoch können wir unsere Augen vor dem Desaster, der Verwüstung und dem Schisma nicht verschließen, die die modernen Förderer einer lebendigen Liturgie verursacht haben, indem sie die Liturgie der Kirche nach ihren Vorstellungen umgestalteten.

Sie vergaßen, dass die liturgische Handlung nicht nur ein GEBET, sondern auch und vor allem ein MYSTERIUM ist, bei dem sich für uns etwas vollzieht, das wir zwar nicht gänzlich verstehen können, doch das wir im Glauben, in der Liebe, im Gehorsam und in einem anbetenden Schweigen annehmen und empfangen müssen. Und genau das ist die wahre Bedeutung der aktiven Anteilnahme der Gläubigen.

Es handelt sich dabei nicht um eine nur äußere Aktivität, um eine Verteilung der Rollen oder die Funktionen in der Liturgie, sondern vielmehr um eine stark aktive Aufnahmebereitschaft: die Aufnahme geschieht in Christus und mit Christus, der demütigen Selbsthingabe im stillen Gebet, und in einer vollkommen kontemplativen Haltung. Die schwere Glaubenskrise – nicht nur bei den Gläubigen, sondern auch und vor allem bei zahlreichen Priestern und Bischöfen – hat uns unfähig gemacht, die eucharistische Liturgie als ein Opfer zu begreifen, als die ein für alle Mal durch Jesus Christus vollbrachte identische Handlung, die das Kreuzesopfer auf unblutige Weise überall in der Kirche durch alle Zeiten, an allen Orten, Völkern und Nationen gegenwärtig setzt." Zum gesamten Beitrag...




Die Zeiten, in denen eine neue Form geboren wird, sind äußerst rar in der Menschheitsgeschichte. Es muß viel zusammenkommen, damit so etwas gelingen kann. Große Form zeichnet sich dadurch aus, daß sie imstande ist, die Epoche, der sie entstammt, zu überleben und durch alle Brüche und Umwälzungen der Geschichte weiterzuwandern. Die griechische Säule mit ihren dorischen, ionischen und korinthischen Kapitellen ist eine solches Formgeschöpf, ebenso die griechische Tragödie mit ihrer Erfindung des Dialogs, die noch in der dümmsten soap-opera weiterlebt. Die Griechen empfanden Tradition an sich schon als Kostbarkeit; sie war es, die Legitimität schuf. Die Überlieferung stand bei ihnen deshalb unter kollektivem Schutz; die Verletzung einer Tradition wurde “Tyrannis” genannt - Tyrannei war der Gewaltakt, der eine überlieferte Form verletzte.

Eine solche die Epochengrenzen mühelos überwindende Form war auch die heilige Messe der römischen Kirche in ihren organisch gewachsenen, zuletzt auf dem Konzil von Trient verbindlich zusammengefaßten Teilen - dort wurde das Meßbuch des römischen Papstes, das seit der Spätantike niemals häretischen Eingriffen ausgesetzt gewesen war, zum allgemeinen Gebrauch der katholischen Christenheit vorgeschrieben. Wenn man sich den Lauf der europäischen Geschichte vor Augen führt, gibt es nichts Erstaunlicheres als dieses Meßbuch, das die gewaltigsten Katastrophen unverändert überstanden hatte. Die Kraft zu solcher Lebensfähigkeit zog der Ritus ohne Zweifel aus seiner Herkunft. Er stammte aus apostolischer Zeit; ihre Formensprache stand in engster Verbindung mit den Jahrzehnten, in denen das Christentum gestiftet wurde und die das Evangelium “die Fülle der Zeit” nennt. Es begann in ihr etwas Neues, der größte Einschnitt in die Welt. Geschichte war mit diesem Neuen verbunden. Und so war dies Neue denn auch befähigt, Gestalt anzunehmen - dies Neue bestand ja vor allem in einem Gestalt-Werden, als nämlich der Schöpfergott die Gestalt seiner Geschöpfe annahm. Das ist der Glaube des Christentums: daß der Geist Materie, Körper, sogar toter Körper wird, und das heißt, daß er Form annimmt. Und diese Form soll dann hinfort vom Geist nicht mehr zu trennen sein; der Auferstandene und zum Vater heimkehrende Erlöser behält die Wunden seines Foltertodes in Ewigkeit. Die Eigenschaften der Körperlichkeit nehmen eine unendliche Bedeutung an. So wurde der Ritus des Christentums zur unaufhörlichen Wiederholung der Inkarnation - und wie es am menschlichen Körper kein Glied gibt, das ohne Schaden oder Beeinträchtigung entfernt werden könnte, formulierte das Konzil von Trient in Bezug auf die Liturgie der Kirche, daß keines ihrer Teile unwichtig, unwesentlich oder ohne Schaden zu vernachlässigen sei. Mehr...


Buch des amerik. Kirchenmusikers und Theologen Peter Kwasniewski in dt. Übersetzung

Peter A. Kwasniewski: NEUANFANG INMITTEN DER KRISE, Die heilige Liturgie, die traditionelle lateinische Messe und die Erneuerung in der Kirche. UNA VOCE Edition 2017, 240 Seiten, 24 x 16,5 cm, Softcover, ISBN 978-3-926377-42-5, € 22,80

Mit diesem Buch liefert der Autor ein flammendes Plädoyer für die überlieferte hl. Messe und den Gregorianischen Choral. Kwasniewski schildert praxisnah seine Lebenserfahrungen mit dem Novus Ordo und der überlieferten hl. Messe. Sein Vergleich zwischen beiden Formen des Römischen Ritus kommt einer Bankrotterklärung heutiger Liturgiepraxis gleich. Der „liturgische Liberalismus“ mit seinen liturgischen Missbräuchen und Irrlehren hat aus seiner Sicht zahlreiche Verfallserscheinungen und Defizite verursacht. Kernelemente katholischer Spiritualität wurden durch die Liturgiereform bis zur Unkenntlichkeit verwässert. In einer geradezu euphorischen Angleichung an den Zeitgeist der Moderne wurde eine Gottes- und Traditionsvergessenheit heraufbeschworen. Ein wichtiges Heilmittel zur Überwindung der Krise in Kirche, Liturgie und gelebtem Glauben sieht der Autor in der Wiederentdeckung der katholischen Tradition. Peter Kwasniewski, geboren 1971 in Chicago, ist Kirchenmusiker und lehrt zur Zeit Theologie als Professor am Wyoming Catholic College in Lander (USA).

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Trauer um Prof. Dr. Winfried Schrammek

Der Orgelexperte Winfried Schrammek ist tot. Wie das Musikinstrumentenmuseum der Leipziger Universität bestätigte, starb Schrammek am 4. März im Alter von 87 Jahren.

Schrammek widmete sich u.a. der Bewahrung der mitteldeutschen Orgellandschaft. So ist es ihm zu verdanken, daß die kleine Orgel der Leipziger Universitätskirche bei der Sprengung des Gotteshauses 1968 vor der Vernichtung bewahrt wurde. Geboren wurde Winfried Schrammek 1929 in Breslau. An der Musikhochschule Weimar studierte er ab 1948 Kirchenmusik, danach in Jena Musikwissenschaften, Völkerkunde und Germanistik, wo er sich 1956 promovierte. Mehr (MDR)...

Prof. Dr. Schrammek auf Wikipedia


Zum 50. Jahrestag der Instruktion »Musicam Sacram«

Zum 50. Jahrestag der Instruktion »Musicam Sacram«, die am 5. März 1967 promulgiert wurde, wird heute mit »Cantate Domino« ein Dokument zur Kirchenmusik veröffentlicht, das von 200 Persönlichkeiten aus aller Welt unterschrieben wurde, die die Verwendung der traditionellen Kirchenmusik fordern und unterstützen.

Der Text erscheint in 6 Sprachen, darunter auch auf Deutsch:

CANTATE DOMINO CANTICUM NOVUM
Eine Stellungnahme zur gegenwärtigen Lage der Kirchenmusik

Wir, die Unterzeichneten – Kirchenmusiker, Seelsorger, Wissenschaftler und Freunde der Kirchenmusik –, unterbreiten diese Stellungnahme, die unsere große Liebe zum Schatz der Kirche, zur liturgischen Musik, zum Ausdruck bringt sowie unsere tiefe Besorgnis angesichts ihrer verzweifelten gegenwärtigen Lage, katholischen Gläubigen in aller Welt.

Vorwort

Cantate Domino canticum novum, cantate Domino omnis terra (Psalm 96): Dieser Gesang zur Ehre Gottes hallte die gesamte Geschichte der Christenheit hindurch, von den ersten Anfängen bis in unsere Tage, in unseren Kirchen wider. Die Heilige Schrift und die heilige Tradition zeugen gleichermaßen von einer großen Liebe für die Schönheit und Kraft der Musik in der Anbetung des allmächtigen Gottes. Der Schatz der Kirchenmusik wurde in der katholischen Kirche von ihren Heiligen, Theologen, Päpsten und gläubigen Laien immer gehegt und gepflegt.

Eine solche Liebe und Praxis der Musik ist in der gesamten christlichen Literatur wie auch in vielen Dokumenten bezeugt, die verschiedene Päpste im Laufe der Geschichte der Kirchenmusik gewidmet haben, angefangen von Docta sanctorum patrum (1324) von Johannes XXII. über Benedikts XIV. Annus qui (1749) bis hin zum Motu Proprio Tra le sollecitudini (1903) von Pius X., Musicae sacrae disciplina (1955) von Pius XII. und dem Chirograph Johannes Pauls II. zur Kirchenmusik aus dem Jahre 2003 u. a. m. Diese reiche Dokumentation drängt uns, die Bedeutung und die Rolle der Musik in der Liturgie sehr ernst zu nehmen. Diese Dringlichkeit bezieht sich auf den tiefen Zusammenhang, der zwischen der Liturgie und ihrer Musik besteht – ein Zusammenhang, der in zweierlei Richtung besteht: Eine gute Liturgie ermöglicht herrliche Kirchenmusik; ein niedriges Niveau der Kirchenmusik wirkt sich indes sehr verhängnisvoll auch auf die Liturgie aus. Ebenso darf man die Bedeutung der Kirchenmusik für die Ökumene nicht vergessen, eingedenk der Tatsache, dass andere christliche Bekenntnisse wie die Anglikaner, Lutheraner und die orthodoxen Kirchen des Ostens der geistlichen Musik in ihrer Bedeutung und Würde eine hohe Wertschätzung angedeihen lassen, wie ihre eigenen sorgsam gehüteten kirchenmusikalischen „Schätze“ bezeugen.

Wir werden nun Zeugen eines wichtigen Meilensteins, des 50. Jahrestages der Verkündung der Instruktion Musicam sacram vom 5. März 1967 unter dem Pontifikat des Seligen Paul VI. Wenn wir dieses Dokument heute nochmals lesen, können wir nicht umhin, der via dolorosa zu gedenken, welche die liturgische Musik in den Jahrzehnten nach der Liturgiekonstitution Sacrosanctum concilium beschritten hat. Was damals, um das Jahr 1967 herum, in einigen Interessengruppen der Kirche in Wirklichkeit geschah, stand alles andere als im Einklang mit Sacrosanctum concilium oder mit Musicam sacram. Bestimmte Ideen, die niemals Eingang in die Konzilsdokumente gefunden hatten, wurden mit Nachdruck in die Praxis umgesetzt, manchmal mit einem Mangel an Wachsamkeit vonseiten des Klerus und der kirchlichen Hierarchie. In manchen Ländern wurde der Schatz der Kirchenmusik, den das Konzil zu bewahren auftrug, nicht nur nicht bewahrt, sondern sogar bekämpft – und dies im eindeutigen Widerspruch zum Konzil, das klar zum Ausdruck gebracht hatte:

„Die überlieferte Musik der Gesamtkirche stellt einen Reichtum von unschätzbarem Wert dar, ausgezeichnet unter allen übrigen künstlerischen Ausdrucksformen vor allem deshalb, weil sie als der mit dem Wort verbundene gottesdienstliche Gesang einen notwendigen und integrierenden Bestandteil der feierlichen Liturgie ausmacht. In der Tat haben sowohl die Heilige Schrift wie die heiligen Väter den gottesdienstlichen Gesängen hohes Lob gespendet; desgleichen die römischen Päpste, die in der neueren Zeit im Gefolge des heiligen Pius X. die dienende Aufgabe der Kirchenmusik im Gottesdienst mit größerer Eindringlichkeit herausgestellt haben. So wird denn die Kirchenmusik um so heiliger sein, je enger sie mit der liturgischen Handlung verbunden ist, sei es, daß sie das Gebet inniger zum Ausdruck bringt oder die Einmütigkeit fördert, sei es, daß sie die heiligen Riten mit größerer Feierlichkeit umgibt. Dabei billigt die Kirche alle Formen wahrer Kunst, welche die erforderlichen Eigenschaften besitzen, und läßt sie zur Liturgie zu“ (Sacrosanctum concilium, Nr. 112).

Die gegenwärtige Lage

Im Lichte des so oft ausgedrückten Sensus ecclesiae können wir nicht umhin, über den gegenwärtigen Zustand der Kirchenmusik besorgt zu sein, der nichts weniger als katastrophal ist und bei dem Missbräuche im Bereich der liturgischen Musik nun fast eher die Regel als die Ausnahme sind. Wir wollen hier einige der Faktoren zusammenfassen, die zur gegenwärtigen beklagenswerten Lage der Kirchenmusik wie auch der Liturgie beitragen:

1. Es ist der Sinn für die „musikalische Gestalt der Liturgie“ verloren gegangen, welche bedeutet, dass die Musik ein untrennbarer Bestandteil des eigentlichen Wesens der Liturgie als öffentliche, formale, feierliche Gottesverehrung darstellt. Wir singen nicht bloß in der Messe, sondern wir singen die Messe. Von daher sollten – wie Musicam sacram selbst anmahnt – die Teile des Priesters in denjenigen Tönen gesungen werden, die im Messbuch angegeben sind, und die Antworten des Kirchenvolkes darauf dem entsprechend erfolgen. Der Gesang der ordentlichen Teile der Messe im gregorianischen Choral oder in von ihm inspirierten Melodien sollte gefördert werden und die Gesänge des Propriums der hl. Messe denjenigen Ehrenplatz in ihr einnehmen, der ihnen nach ihrer historischen Bedeutung, liturgischen Funktion und theologischen Tiefe auch zukommt. Ähnliches gilt ebenso für das Singen des Stundengebets. Es offenbart die Untugend „liturgischer Trägheit“, wenn man sich weigert, die Liturgie zu singen, oder wenn man Gebrauchsmusik anstelle von geistlicher Musik verwendet, wenn man es versäumt, sich selbst oder andere über die Tradition und die Wünsche der Kirche aufzuklären, wenn man nur wenig oder gar keine Mittel und Wege für den Aufbau eines liturgischen Musikprogramms findet.

2. Dieser Verlust des liturgischen und theologischen Verständnisses geht Hand in Hand mit einer breiten Akzeptanz des Säkularismus. Die weltliche Popmusik hat zu einer Entheiligung der Liturgie beigetragen, während der Säkularismus des gewinnorientierten Kommerzes den örtlichen Pfarreien vermehrt die Einführung von mittelmäßigen Liedsammlungen auferlegt hat. Dies hat einen Anthropozentrismus in der Liturgie befördert, der ihr eigentliches Wesen zu untergraben droht. In weiten Teilen der Kirche gibt es heute einen falschen Zugang zur Kultur, den man als „Netzwerk von Beziehungen“ betrachten kann. In der gegenwärtigen Lage der Kirchenmusik (und der Liturgie selbst, weil diese beiden untrennbar miteinander verflochten sind) haben wir die Verbindung zu unserer Vergangenheit gekappt und versucht an eine Zukunft anzuknüpfen, die ohne ihre Vergangenheit keinerlei Bedeutung hat. Heute wird die Kirche, statt ihre kulturellen Reichtümer aktiv zur Evangelisierung einzusetzen, selbst von einer vorherrschenden weltlichen Kultur – geboren aus dem Widerspruch zum Christentum – benutzt, um den Sinn für die Anbetung auszuhöhlen, die im Zentrum des christlichen Glaubens steht.

In seiner Predigt zum Fronleichnamsfest am 4. Juni 2015 sprach Papst Franziskus von dem „Staunen der Kirche angesichts dieser Wirklichkeit [der allerheiligsten Eucharistie]“, einem „Staunen, das stets die Betrachtung, die Anbetung und die Erinnerung nährt“. Wo sind in vielen unserer Kirchen weltweit dieser Sinn für die Betrachtung, diese Anbetung und dieses Staunen angesichts des Geheimnisses der Eucharistie geblieben? Sie sind verloren gegangen, weil wir uns im Zustand einer Art geistigen Alzheimers befinden, einer Krankheit, die uns unsere geistigen, theologischen, künstlerischen, musikalischen und kulturellen Erinnerungen raubt. Es wurde gesagt, dass wir die Kultur eines jeden Volkes in die Liturgie mit einbringen sollen. Dies kann richtig sein, wenn es recht verstanden wird, nicht jedoch in dem Sinne, dass die Liturgie (und die Musik) zu dem Ort werden, an dem wir einer weltlichen Kultur huldigen. Sie sind der Ort, wo die Kultur, jede Kultur, auf eine andere Ebene gebracht und gereinigt wird.

3. Es gibt Gruppen in der Kirche, die eine „Erneuerung“ vorantreiben, die nicht die Lehre der Kirche widerspiegelt, sondern eher ihrer eigenen Agenda, ihrer Weltsicht und ihren Interessen dient. Diese Gruppen haben Mitglieder in führenden Schlüsselpositionen, von wo aus sie ihre Pläne, ihre Vorstellung von Kultur und die Art und Weise in die Praxis umsetzen, wie wir uns mit aktuellen Problemen auseinandersetzen sollen. In einigen Ländern haben mächtige Lobbys zum De-facto-Austausch des Bestands an Kirchenmusik, der den Richtlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprach, durch ein minderwertiges Musikrepertoire beigetragen. Und so sind wir am Ende bei unserem derzeitigen sowohl musikalisch als auch textlich niedrigen Niveau einer neuen liturgischen Musik angelangt. Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, dass nichts von bleibendem Wert von einem Mangel an Ausbildung und Erfahrung herrühren kann, vor allem, wenn die Menschen die klugen Richtlinien der kirchlichen Tradition vernachlässigen:

„Aus diesen Gründen galt der gregorianische Gesang stets als höchstes Vorbild der Kirchenmusik, so daß man mit Recht das allgemeine Gesetz aufstellen kann: Eine Kirchenkomposition ist um so heiliger und liturgischer, je mehr sie sich in Verlauf, Eingebung und Geschmack der gregorianischen Melodik nähert; und sie ist umso weniger des Gotteshauses würdig, als sie sich von diesem höchsten Vorbild entfernt“ (Pius X., Tra le sollecitudini, Nr. 3).

Heute wird dieses „höchste Vorbild“ oft verworfen, wenn nicht gar verachtet. Das gesamte Lehramt der Kirche erinnert uns an die Wichtigkeit, an diesem Vorbild festzuhalten, nicht als Art und Weise, die Kreativität einzuschränken, sondern als Fundament, auf dem Inspiration gedeihen kann. Wenn wir möchten, dass die Menschen Jesus suchen, dann müssen wir sein Haus mit dem Besten ausstatten, was die Kirche zu bieten hat. Wir werden die Menschen nicht in unser Haus, die Kirche, einladen, um ihnen ein Nebenprodukt von Popmusik und moderner Kunst anzubieten, wenn sie solche viel besser außerhalb der Kirche finden können. Die Liturgie ist ein limen, eine Schwelle, die uns erlaubt, aus unserem Alltagsleben zur Anbetung der Engel zu schreiten: Et ídeo cum Angelis et Archángelis, cum Thronis et Dominatiónibus, cumque omni milítia cæléstis exércitus, hymnum glóriæ tuæ cánimus, sine fine dicéntes...

4. Diese Geringschätzung des gregorianischen Chorals wie des traditionellen Musikrepertoires verweist auf ein viel größeres Problem, nämlich das der Geringschätzung der Tradition überhaupt. Sacrosanctum concilium lehrt, dass das musikalische und künstlerische Erbe der Kirche geachtet und wertgeschätzt werden soll, weil es die Verkörperung von Jahrhunderten der Anbetung und des Gebets sowie des höchsten Ausdrucks menschlicher Kreativität und Spiritualität ist. Es hat einmal eine Zeit gegeben, als die Kirche nicht jeder letzten Mode hinterherlief, sondern selbst Schöpferin und Vermittlerin von Kultur war. Der Mangel an Einsatz für die Tradition hat die Kirche auf einen unsicheren und verschlungenen Abweg gebracht. Die versuchte Trennung der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils von früheren Lehren der Kirche ist eine Sackgasse, und der einzige Weg, der daraus führt, ist die Hermeneutik der Kontinuität, die Papst Emeritus Benedikt XVI. befürwortet hat. Die Wiederherstellung der Einheit, Integrität und Harmonie der katholischen Lehre ist die Voraussetzung für die Wiederherstellung sowohl der Liturgie als auch ihrer Musik in ihrer edlen Erhabenheit. Auch Papst Franziskus lehrte uns in seiner ersten Enzyklika: „Die Kenntnis unserer selbst ist nur möglich, wenn wir an einem größeren Gedächtnis teilhaben“ (Lumen fidei, Nr. 38).

5. Eine weitere Ursache für den Verfall der Kirchenmusik ist der Klerikalismus, der Missbrauch von Amt und Stellung der Kleriker. Ein in der großen Tradition liturgischer Musik schlecht ausgebildeter Klerus trifft weiterhin Personalentscheidungen und bestimmt Richtlinien, die gegen den wahren Geist der Liturgie und die in unserer Zeit immer wieder geforderte Erneuerung der Kirchenmusik verstoßen. Mehr als häufig widersprechen sie im Namen eines angeblichen „Konzilsgeistes“ den Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils. Darüber hinaus haben Mitglieder des Klerus – vor allem in Ländern mit altem christlichen Erbe – Zugang zu Positionen, die Laien nicht zur Verfügung stehen, während Laienmusiker durchaus in der Lage wären, der Kirche eine gleiche oder bessere professionelle Dienstleistung anzubieten.

6. Wir sehen auch das Problem der unzureichenden (manchmal ungerechten) Vergütung von Laienmusikern. Die Bedeutung der Kirchenmusik in der katholischen Liturgie erfordert auch, dass zumindest einige Mitglieder der Kirche an jedem Ort gut ausgebildet und dementsprechend ausgerüstet sind, um dem Volk Gottes in dieser Eigenschaft hingebungsvoll zu dienen. Ist es etwa nicht wahr, dass wir Gott nur unser Bestes geben sollten? Niemanden würde es überraschen oder stören, dass Ärzte eine Vergütung benötigen, um zu überleben, und niemand würde eine medizinische Behandlung von ungeschulten Praktikanten akzeptieren. Auch Priester haben ihre Gehälter, weil sie nicht leben können, wenn sie nicht essen, und wenn sie nicht essen, werden sie nicht in der Lage sein, sich theologisch weiterzubilden oder die hl. Messe mit Würde zu lesen. Wenn wir Floristen und Köche bezahlen, die in den Pfarreien aushelfen, warum sollte es dann so abwegig erscheinen, dass diejenigen, die für die Kirche musikalisch tätig sind, ebenso ein Recht auf eine angemessene Vergütung haben? (vgl. Canon 231)

Konstruktive Vorschläge

Es mag den Anschein haben, dass das, was wir hier angesprochen haben, sehr pessimistisch klingt, aber wir hegen die Hoffnung, dass es einen Ausweg aus dieser dunklen Nacht gibt. Die folgenden Vorschläge werden in spiritu humilitatis mit der Absicht unterbreitet, die Würde der Liturgie und ihrer Musik in der Kirche wiederherzustellen.

1. Als Musiker, Seelsorger, Wissenschaftler und Katholiken, die den gregorianischen Choral und die liturgische Polyphonie lieben, welche vom kirchlichen Lehramt so oft gelobt und empfohlen worden ist, bitten wir um erneute Bestätigung dieses Erbes neben modernen geistlichen Kompositionen in Latein oder in den Volkssprachen, die ihre Inspiration aus dieser großen Tradition beziehen; wir bitten um konkrete Schritte, um sie überall zu fördern, in jeder einzelnen Kirche auf der ganzen Welt, sodass alle Katholiken weltweit das Lob Gottes mit einer Stimme, eines Sinnes und Herzens, in einer gemeinsamen Kultur singen können, die über all ihre Unterschiedlichkeit hinausgeht. Wir bitten auch um eine erneute Bestätigung der einzigartigen Bedeutung der Pfeifenorgel für die heilige Liturgie, wegen ihrer einzigartigen Fähigkeit, die Herzen zu Gott zu erheben, und ihrer vollkommenen Eignung, den Gesang von Schola, Chören und Gemeinden zu unterstützen.

2. Es ist notwendig, dass die Bildung eines guten Geschmacks in Musik und Liturgie schon bei den Kindern beginnt. Oft meinen Pädagogen ohne musikalische Ausbildung, dass Kinder die Schönheit der wahren Kunst nicht zu schätzen wissen. Dies ist weit von der Wahrheit entfernt. Mit einer Pädagogik, die ihnen hilft, sich der Schönheit der Liturgie zu nähern, werden die Kinder in einer Art und Weise gebildet werden, die ihre Kraft stärken wird, weil sie nahrhaftes geistiges Brot und nicht das scheinbar leckere, aber ungesunde Essen aus industrieller Fertigung angeboten bekommen (wie bei den „Kindermessen“, die von der Popkultur inspirierte Musik aufweisen). Wir können aus persönlicher Erfahrung feststellen, dass Kinder, die mit dem gregorianischen Choral und polyphoner Kirchenmusik konfrontiert werden, diese schätzen lernen und eine innigere Beziehung zur Kirche entwickeln.

3. Wenn Kinder die Schönheit der Musik und der Kunst schätzen, wenn sie die Bedeutung der Liturgie als fons et culmen des Lebens der Kirche verstehen sollen, dann müssen wir fest im Glauben stehende erwachsene Laien haben, die dem Lehramt der Kirche folgen. Wir müssen auf den Gebieten der Kunst und der Musik gut ausgebildeten Laien Raum zur Entfaltung geben. Um als kompetente Kirchenmusiker oder Lehrkräfte in der Kirche wirken zu können, sind viele Jahre Studium erforderlich. Ein solch „professioneller“ Status muss anerkannt, geachtet und auf praktische Weise gefördert werden. Im Zusammenhang mit diesem Punkt hoffen wir aufrichtig, dass die Kirche gegen offensichtliche und subtile Formen von Klerikalismus weiter vorgehen wird, sodass Laien ihren vollen Beitrag in Bereichen leisten können, wo eine Ordination nicht erforderlich ist.

4. Für Dome und Basiliken sollte auf höheren Standards und Qualifikationen für das musikalische Repertoire bestanden werden. Die Bischöfe in jeder Diözese sollten mindestens einen professionellen Musikdirektor und/oder einen Organisten anstellen, die klaren Anweisungen folgen würden, um in den jeweiligen Domen bzw. Basiliken ausgezeichnete liturgische Musik zu fördern und zu ermitteln, wer ein leuchtendes Beispiel im Kombinieren von Werken der großen Tradition mit geeigneten neuen Kompositionen anbieten könnte. Wir sind der Meinung, dass ein gesunder Grundsatz hierzu in Sacrosanctum concilium enthalten ist: „Schließlich sollen keine Neuerungen eingeführt werden, es sei denn, ein wirklicher und sicher zu erhoffender Nutzen der Kirche verlange es. Dabei ist Sorge zu tragen, daß die neuen Formen aus den schon bestehenden gewissermaßen organisch herauswachsen“ (Sacrosanctum concilium, Nr. 23).

5. Wir schlagen vor, dass in jedem Dom bzw. in jeder Basilika die Feier einer wöchentlichen Messe in Latein (in beiden Formen des römischen Ritus) gefördert werde, um die Verbindung zu unserem liturgischen, kulturellen, künstlerischen und theologischen Erbe zu bewahren. Die Tatsache, dass viele junge Menschen heute die Schönheit des Lateins in der Liturgie wieder entdecken, ist sicher ein Zeichen der Zeit und fordert uns auf, die Zwistigkeiten der Vergangenheit zu begraben und nach einem mehr „katholischen“ Ansatz zu suchen, der aus allen Jahrhunderten katholischer Gottesverehrung schöpft.

6. Die liturgische und musikalische Ausbildung der Geistlichen sollte für die Bischöfe erste Priorität haben. Der Klerus trägt die Verantwortung, die liturgischen Melodien zu erlernen und zu üben, da er gemäß Musicam sacram und anderer lehramtlicher Dokumente in der Lage sein sollte, die Gebete der hl. Messe zu singen und nicht bloß zu sprechen. Künftige Priester sollten in den Seminaren und an der Universität mit der großen Tradition der liturgischen Musik der Kirche vertraut gemacht werden und sie im Einklang mit dem Lehramt und gemäß dem gesunden Grundsatz, den wir bei Matthäus finden, schätzen lernen: „Darum gleicht jeder Schriftgelehrte, der die Schule des Himmelreiches durchlaufen hat, einem Hausvater, der Neues und Altes aus seinem Schatze hervorholt“ (Mt 13,52).

7. In der Vergangenheit spielten katholische Verlage eine große Rolle bei der Verbreitung von guter alter und neuer Kirchenmusik. Heute verbreiten dieselben Verlage – auch wenn sie der Diözese oder religiösen Institutionen angehören – aus rein kommerziellen Erwägungen heraus eine Musik, die für die Liturgie ungeeignet ist. Viele gläubige Katholiken meinen, dass das, was die Mainstream-Verlage an Kirchenmusik anbieten, mit der Lehre der katholischen Kirche bezüglich Liturgie und Musik übereinstimmt, auch wenn es oft nicht so ist. Katholische Verlage sollten in erster Linie die Gläubigen in der gesunden katholischen Lehre bilden und zur guten liturgischen Praxis anleiten und nicht als erstes Ziel haben, Geld zu verdienen.

8. Die Bildung von Liturgiewissenschaftlern ist auch von grundlegender Bedeutung. So wie die Kirchenmusiker die Grundlagen der Liturgiegeschichte und Theologie verstehen sollten, so sollten auch Liturgiker mit dem gregorianischen Choral, der Polyphonie sowie der gesamten Musiktradition der Kirche vertraut sein, sodass sie gute von schlechter Musik unterscheiden können.

Schlusswort

In seiner Enzyklika Fidei lumen, erinnerte Papst Franziskus uns an die Art und Weise, wie der Glaube Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet:

„Es ist wahr, dass der Glaube Abrahams, insofern er Antwort auf ein vorangegangenes Wort ist, immer ein Akt der Erinnerung sein wird. Doch legt dieses Erinnern nicht auf die Vergangenheit fest, sondern wird, da es Erinnerung an eine Verheißung ist, fähig, auf Zukunft hin zu öffnen, die Schritte auf dem Weg zu erleuchten. So wird sichtbar, dass der Glaube als Erinnerung an die Zukunft – memoria futuri – eng mit der Hoffnung verbunden ist“ (Lumen fidei, Nr. 9).

Diese Erinnerung, dieses Gedächtnis, dieser Schatz, der unsere katholische Tradition ist, ist nicht allein etwas aus der Vergangenheit. Er besitzt noch eine Lebenskraft in der Gegenwart und wird immer auch ein Geschenk der Schönheit für künftige Generationen sein. „Preist den Herrn; denn herrliche Taten hat er vollbracht; auf der ganzen Erde soll man es wissen. Jauchzt und jubelt, ihr Bewohner von Zion; denn groß ist in eurer Mitte der Heilige Israels.“ (Isa 12:5-6)

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Liste der Unterzeichner hier.


Wiederbelebung eines Zisterzienserklosters und des Chorals

Mönche von Stift Heiligenkreuz werden Neuzelle / Brandenburg neu besiedeln

199 Jahre nach der 1817 vollzogenen Säkularisation des Klosters Neuzelle in Brandenburg in Deutschland haben die Mönche von Stift Heiligenkreuz im Wienerwald in ihrer Kapitelsitzung am 10. November 2016 entschieden, die Einladung von Bischof Wolfgang Ipolt aus Görlitz anzunehmen und eine Wiederbesiedelung des Klosters Neuzelle zu wagen. Von einem „Zeichen des Aufbruchs für unser Bistum Görlitz und die ganze Region“ sprach Bischof Wolfgang Ipolt in einer ersten Reaktion. „Ich freue mich, daß Neuzelle nach 199 Jahren wieder Heimat für eine geistliche Gemeinschaft von Zisterziensern sein wird.“ Mehr...


Zum 100. Geburtstag: Neuauflage der Festschrift für Max Baumann (1917-1999)

Am 20. November 2017 jährt sich der hundertste Geburtstag des Komponisten und Musikpädagogen Max Baumann

Bis auf wenige Exemplare ist auch die zweite Auflage der Festgabe "Te decet hymnus", die 1992 zu Baumanns 75. Geburtstag erstmals erschienen ist, vergriffen. Daher beschloß die Max-Baumann-Gesellschaft e. V. eine Neuauflage. Sie bietet für eine neue Generation von Musikern und Interessierten weiterhin eine konzentrierte, kurz gefaßte Biographie mit vielen zeitgeschichtlichen Details und darüber hinaus ein aktualisiertes Werkverzeichnis. Die Neuauflage soll für zukünftige Aufführungen und musikwissenschaftliche Arbeiten eine Hilfe bieten und damit der Förderung und Verbreitung von Werk und Gedankengut Max Baumann dienen. (Aus dem Vorwort von Prof. Dr. Adelheid Geck zur 3. Auflage 2016)

Weiterführende Links: Max Baumann-Gesellschaft e.V.
Bestellmöglichkeit: Edition SINFONIA SACRA e.V.


Ritus bringt Kultur hervor

Martin Mosebach äußert sich zum Motu Proprio „Summorum Ponfiticum“, zur klassischen Liturgie und zur „Reform der Reform“

Was immer man dem überlieferten Ritus vorwerfen könne „er gestattete jedenfalls – anders als der neue Ritus – keinen Irrtum über seine Natur. Deshalb war es notwendig, ihm wieder einen Ehrenplatz unter den liturgischen Büchern einzuräumen. Ich möchte aber behaupten, daß damit über die Christenheit hinaus der ganzen Welt ein Dienst erwiesen worden ist. Denn der überlieferte Ritus als sichtbare Gestalt des Christentums über zweitausend Jahre ist Fundament nicht nur der Kirche, sondern auch der aus ihr hervorgegangenen Kultur. Dieser Ritus ist der eigentliche Architekt unserer großen Kirchenbauten, er ist der Hervorbringer unserer Musik, Malerei und Skulptur. Jede romanische Basilika, gotische Kathedrale, Barockkirche spricht von diesem Ritus, für den sie geschaffen worden ist – diese Bauten sind ohne den Ritus unverständlich. Da sie nach wie vor die Gehäuse unserer Religion sind, ist es von entscheidender Bedeutung, daß der Kult, der sie geschaffen hat, nicht in Vergessenheit gerät“, so Mosebach. Mehr...

Zum vollständigen Interview in "Die Tagespost" hier.


Ein Leben für die Musica Sacra

Zum Tode von Domkapellmeister a. D. Rudolf Brauckmann (1930-2016)

Bekannte Musikerpersönlichkeiten wie Franz Bühler, Karl Kempter, Arthur Piechler, Karl Kraft und Rudolf Brauckmann haben die geistlich-liturgische Musikpflege und Musikausbildung Augsburgs im 19. und 20. Jahrhundert geprägt – die Augsburger Domsingknaben mit ihrem Leiter Reinhard Kammler sind heute international bekannt. Am 5. September 2016 nun verstarb der ehemalige Augsburger Domkapellmeister Rudolf Brauckmann im Alter von 85 Jahren.

Das Requiem wurde am 12. September im Hohen Dom zu Augsburg gefeiert, die Beisetzung fand am 13. September auf dem Katholischen Herman-Friedhof in Augsburg statt. Der Verstorbene hat sich um die Kirche von Augsburg verdient gemacht, sicher aber auch um die Anliegen und Forderungen der nach dem II. Vatikanischen Konzil entstandenen »Una Voce«-Bewegung. Mit dem Mitbegründer von »Una Voce Deutschland e.V.«, dem Kirchen- und Schulmusiker Albert Tinz, verband ihn ein jahrelanger intensiver geistiger Austausch. Zu diesem in fachlicher Kompetenz und Freundschaft verbundenen Kreis gehörten u. a. auch die Komponisten Hermann Schroeder, Max Baumann und nicht zuletzt die Präsidenten der römischen »Consociatio Internationalis Musicae Sacrae« (CIMS) Prälat Dr. Johannes Overath und sein Nachfolger, der ehemalige Aachener Domkapellmeister Prälat Dr. Rudolf Pohl.

Rudolf Brauckmann wurde am 16. November 1930 im sauerländischen Rüthen (Westfalen) geboren. Seine Ausbildung erhielt er an den Musikhochschulen in Dortmund, Hannover und München. Von 1955 bis 1957 war er Dozent für Klavierspiel am Dortmunder Konservatorium, von 1957 bis 1967 Domorganist in Minden und von 1967 bis 1972 Domchordirektor am Hohen Dom zu Paderborn. Von 1972 bis 1995 prägte er als Domkapellmeister die Dommusik an der Kathedrale zu Augsburg nachhaltig, nicht zuletzt durch seine konsequente Haltung bezüglich der Bedeutung des Gregorianischen Chorals und der altklassischen Polyphonie für die liturgische Praxis. Gelegen oder ungelegen verteidigte er bedächtig und feinsinnig diese Vokalmusik als Ursprung und Quelle, als Maßstab jedweder der Liturgie dienenden Musik. Über zwei Jahrzehnte leitete er in seiner sympathischen Wesensart mit hoher geistiger und musikalischer Kompetenz den Augsburger Domchor. Die Meßkompositionen nahezu aller großen Meister der Musikgeschichte standen auf seinem Programm. Auch der musikalische Ausdruck des 20. Jahrhunderts kam dabei nicht zu kurz: Aufführungen der Messen Frank Martins und Igor Strawinskys sowie Hermann Schroeders ohne praktische Rücksichten komponiertes »De profundis« von 1983 stehen dafür beispielhaft. Auf Brauckmanns Anregung hin erfolgte im Herbst 1976 durch Erzbischof Dr. Josef Stimpfle die Wiedergründung der Augsburger Domsingknaben, die untrennbar auch mit seinem Namen verbunden ist. Der Diözesanbischof und sein selbstloser Domkapellmeister schenkten dem damals jungen Studenten der Münchener Musikhochschule Reinhard Kammer das große Vertrauen, am Dom wieder einen Knabenchor zu etablieren.

Der Rundfunkautor und Publizist Franz R. Miller schreibt über die beiden kongenialen Kirchenmusiker: »Der Domchordirektor aus Paderborn erwies sich nicht nur als hochqualifizierter Liturge, Organist und Chordirigent, er war ein klar- und tiefdenkender Beobachter der gesellschaftlichen Veränderungen, die auch um den Kirchenchor und die Kirchenmusik keine Umwege zuließen. Klarsicht statt Leidenschaftlichkeit möchte man Rudolf Brauckmann vorab zusprechen, dem ein langjähriger Umgang mit Kathedralmusik und Domchor zur Hand standen, der somit vor Überraschungen im Kern gefeit blieb und der auch in musikfernen Gesprächen und Diskussionen die Spreu vom Weizen schnell zu trennen wußte. Ein Chormeister autoritativen Zuschnitts wurde Brauckmann nie. Er blieb mit stiller Hartnäckigkeit sehr wohl auf den Grundlagen, die von Choral und Mehrstimmigkeit gegeben waren, er entwickelte die Kunst des A-cappella-Gesangs in seinem Domchor zu hoher Blüte, er äußerte sich wie er dirigierte, mit kleinen Zeichen und ohne Pathos, aber er belächelte auch die neuen Zupfgeigenimitatoren oder die Cocktailmusik eines Pater Cocagnac. ›Modern ist noch nicht Qualität‹, dieses bedeutungsvolle Wort des römischen Prälaten Rudolf Pohl hatte bei ihm volle Gültigkeit. Unter diesen Vorzeichen näherten sich Rudolf Brauckmann und Reinhard Kammler. Beide hatten schnell erkannt, dass sie an den gleichen Altären räucherten. [...] Die Zusammenarbeit mit Rudolf Brauckmann gedieh zu schönster Blüte, Kammler hatte weitgehend freie Hand, um seine Intentionen zu gestalten; die im künstlerischen Bereich gerne auftretenden fachlichen Rivalitäten und menschlichen Eifersüchteleien fanden nicht statt [...].« (1)

Folgerichtig übernahm Kammler als bisheriger Leiter der Augsburger Domsingknaben und Domorganist schließlich im November 1995 als Domkapellmeister die Gesamtleitung über die Augsburger Dommusik von seinem väterlichen Förderer Brauckmann, als sich dieser in den Ruhestand verabschiedete. Trotzdem war Brauckmann weiterhin fast täglich im 1986 gegründeten »Haus der Dommusik St. Ambrosius« gegenüber dem gotischen Ostchor des Domes als Instrumentallehrer, Organist und guter Geist präsent. Noch bis 2012 spielte er die Orgel in der Meßfeier in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus in der Katholischen Spitalkirche St. Margareth, wo er auch die Choralschola initiierte.

xxxRudolf Brauckmann war zeitlebens ein Verfechter der authentischen Musica Sacra, das heißt einer liturgischen Musik, die der Entsakralisierung, Profanierung, Banalität und Trivialität die Tür aus dem kultischen Bereich weist. Schon gleich zu Beginn seines kirchenmusikalischen Dienstes als Domkapellmeister am Hohen Dom zu Augsburg, kurz nach der sogenannten Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils, stellte Brauckmann in einem Interview klar: »Die vorklassische Meßkomposition, besser gesagt die klassische Polyphonie des 14., 15. und 16. Jahrhunderts ist das absolute Maß des chorischen Musizierens. Es wäre unklug, wenn ich auf diese hohe Schule des Singens verzichten würde. Die Kirchenmusik ist an die sprachliche sowie musikalische Eigengesetzlichkeit gebunden. Die Chöre müssen sich gerade in einem so bodenständigen Land ihrer großen Tradition bewußt sein. Man darf ihnen den Boden der Tradition weder entziehen noch dürfen sie ihn selbst verlassen. Nur so kommt der Fortschritt auch für die Kirchenmusik.« (2) Diese Aussagen schließen sich nahtlos der Position an, die Brauckmann schon kurze Zeit nach Erscheinen der Liturgiekonstitution »Sacrosanctum Concilium« einnimmt: »Wer die Tradition nicht liebt und pflegt, kann unmöglich Neues schaffen. Neuerer werten gern die herkömmlichen Formen der Messe als rein ästhetische dekorative Betriebsamkeit. Eine Verneinung der Tradition ist keine Basis für schöpferische Tätigkeit.« (3)

1983 kam es zum ersten Höhepunkt der kirchenmusikalischen Krise in den deutschsprachigen Ländern, ausgelöst durch die desaströse Musik des Schlußgottesdienstes des 87. Deutschen Katholikentages 1982 in Düsseldorf, die ein Schreiben knapp fünfzig führender deutschsprachiger Musiker, Kirchenmusiker und Komponisten – darunter an oberer Stelle Rudolf Brauckmann – an den damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Joseph Kardinal Höffner, (4) und das Symposium »Musik im Gottesdienst« in der Münchener Musikhochschule während des Münchener 88. Deutschen Katholikentages zur Folge hatte. Für die Initiierung und Durchführung des Münchener Symposiums waren Rudolf Brauckmann und Prof. Diethard Hellmann, der Präsident der Münchener Musikhochschule, verantwortlich. Hochkarätige Theologen, Musikwissenschaftler und Kirchenmusiker saßen damals auf dem Podium: die Professoren Walter Brandmüller, Josef Friedrich Doppelbauer, August Everding, Wilhelm Killmayer und Hermann Schroeder, sowie P. Dr. Johannes B. Göschl O.S.B., Dr. Gabriel Steinschulte u. a. (5) In einem einzigen, prägnanten Satz stellte Brauckmann damals die Situation der Musica Sacra in der nachkonziliaren liturgischen Praxis dar: »Die künstlerische Form [der Musica Sacra] wird dem Exklusivbereich zugeordnet und nicht mehr als allgemein verbindliche Kraft gesehen.« (6) Daran hatte sich auch acht Jahre später noch nichts geändert, als Brauckmann resümiert: »Es gibt auch heute noch Zentren, die hervorragende Kirchenmusik pflegen. Sie bleiben allerdings in einem riesigen Umfeld von rationalem und irrationalem Kitsch, verzweckter Mittelmäßigkeit und primär lehrhafter Ausrichtung unserer Gottesdienste ohne regulierende Wirkung auf die Gesamtsituation.« (7)

Genutzt haben diese Anstrengungen wegen der fehlenden Kommunikation auf der anderen Seite leider nicht viel. Auch noch nach der Jahrtausendwende muß Brauckmann bemerken: »Gleichwohl ist mir die Toleranz bezüglich des sogenannten ›Neuen Geistlichen Liedes‹ unbegreiflich. Ich bewerte sie als Kapitulation vor der Qualität des liturgischen Verfalls. Diese Spezies hat nichts mit der aus der Tradition gewachsenen modernen Musik gemeinsam. Sie ist, wie der Leiter des Amtes für Kirchenmusik richtig bemerkt, für die Liturgie ungeeignet. Es dürfte auch dem Amt für Kirchenmusik nicht verborgen geblieben sein, daß nach dem Absturz in die nachkonziliare liturgische Beliebigkeit nunmehr der freie Fall in die Unverbindlichkeit von Banalität und Trivialität folgt.« (8)

Die Weitsicht für den Zusammenhang von Kult und Kultur ist heute weitestgehend verloren gegangen. Die Stimme eines Mahners, wie es Rudolf Brauckmann war, wird uns daher künftig fehlen. Laut war sie nie, aber sie war beständig und überzeugend, denn sie erhob sich stets mit hoher Sachkenntnis und Kompetenz. Aber gerade dies ist heute ohnehin selten geworden, wo sich das kirchenamtliche Establishment eher im Trendsetting denn in Traditionsbewußtsein gefällt. Neben der Trauer über den Tod eines großen Menschen ist es vor allem der Verlust seiner Besonnenheit, die, gepaart mit konsequenter analytischer Fähigkeit und Humor, jene Melange bildete, die Rudolf Brauckmann zu einem homo sui generis machte – mit festem Glauben und frohem Sinn. Als 1986 der Komponist Fritz Goller starb, sagte er in der ihm eigenen ruhig-hintergründigen Art: »Ja, jetzt kommen die Einschläge langsam näher…!« Gott sei Dank trafen sie ihn erst jetzt mit einer 30jährigen Karenzzeit.

Wir danken Domkapellmeister Rudolf Brauckmann für seinen hohen Einsatz für die Kirche, die Musica Sacra sowie die christliche Kultur und werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Er war ein feinsinniger, herzensguter Mensch und ein vorbildlicher Katholik mit Scharfsinn, Durchblick und Menschenkenntnis. Gott schenke ihm Anteil an der himmlischen Liturgie! Möge er dort mit den Chören der Engel und mit all den vorausgegangenen großen Meistern der Musica Sacra einstimmen in den ewigen Lobpreis ad majorem Dei gloriam! R. I. P.

Anmerkungen:
(1)
Franz R. MILLER, Musikalische Sonntagskinder, Die Augsburger Domsingknaben, Donauwörth 2001, S. 34 f.
(2)
»Augsburg aktuell, Beilage zur Kirchenzeitung für die Diözese Augsburg«, 15. Oktober 1972. Vgl. hierzu Rudolf Brauckmanns grundlegende Ausführungen: Tradition und Fortschritt in der katholischen Kirchenmusik, in: »Sinfonia Sacra, Zeitschrift für katholische Kirchenmusik«, 3. Jg., Heft 1/1995, S. 34-41.
(3)
Kitsch im liturgistischen Getto, in: »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, 27. April 1965.
(4)
Siehe hierzu: Alfred BEAUJEAN, Kitsch in der Kirche? Der Aufstand der katholischen Kirchenmusiker, in: »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, 21. Juli 1983, Feuilleton.
(5)
In der »Una Voce Korrespondenz«, 14. Jg., Heft 4, Juli/August 1984, S. 193-230 liegen die damaligen Beiträge zum Symposium in schriftlicher Form vor.
(6)
Ebd., S. 228.
(7)
Votum für mehr Latein, Rudolf Brauckmann zur Lage der Kirchenmusik, in: »Augsburger Allgemeine«, 7. November 1992.
(8)
»Katholische Sonntagszeitung Augsburg«, 8./9. Januar 2000.

Das zweite Photo zeigt Rudolf Brauckmann (Mitte) 1986 im Gespräch mit Albert Tinz (links) und dem Komponisten Karl Erhard.

Quelle: Una Voce Korrespondenz 4/2016, S. 580-584 – © 2016 SINFONIA SACRA e.V.


»Außerordentlich« heißt nicht »ausnahmsweise«

Eine kirchenrechtliche Klarstellung bezüglich des Verhältnisses von außerordentlicher und ordentlicher Form des Römischen Ritus

von Dr. Gero P. Weishaupt

„Kardinal Burke verteidigt außerordentliche Messe.“ So titelte das katholische Internetportal kath.net unter Berufung auf ein Interview, das der Kardinal mit der italienischen Webseite „La Fede Quotidiana“ geführt hatte. Die außerordentliche Form des römischen Meßritus sei keine Ausnahme, sondern mit der ordentlichen Form gleichrangig, stellte der Kardinal heraus.

Anlaß für die Stellungnahme war ein Interview von Papst Franziskus mit P. Antonio Spadaro SJ, dem Herausgeber der Jesuitenzeitschrift „Civiltà Cattolica“. Darin habe er die Regelung für den außerordentlichen Ritus durch Papst Benedikt XVI. als „großzügig“ gegenüber den Anhängern der alten Liturgie bezeichnet. Diese sei allerdings „eine Ausnahme“, so der Papst. Kardinal Burke erwiderte, daß der alte Ritus „die Messe der Kirche aller Zeiten“ sei und deshalb nicht aufgegeben werden könne. Das Motu proprio „Summorum Pontificum“ von Benedikt XVI. sei in dieser Frage eindeutig. Die außerordentliche und die ordentliche Form sind „zwei Anwendungsformen des einen Römischen Ritus“, heißt es in „Summorum Pontificum“. In meinem kirchenrechtlichen Kommentar zum Motu Proprio „Summorum Pontficum“ gehe ich auch auf die Frage ein, ob „außerordentlich“ gleichbedeutend ist mit „ausnahmsweise“. Muß die klassische Form eine Ausnahme bleiben, weil er „außerordentlich“ genannt wird? Da der Begriff „außerordentlich“ im Gesetzbuch in verschiedenen Zusammenhängen vorkommt, habe ich in meinem Kommentar drei dieser Gesetzestexte, in den der Begriff vorkommt, daraufhin befragt, um dann ein Ergebnis zu formulieren. Mehr...


Persönliches Psalmenbuch des hl. Martyrers Thomas Becket aufgefunden

Die Entdeckung in der Cambridge Library wurde von Cambridge-Historiker Dr. Christoph de Hamel bekanntgegeben. Mehr....


»Der Kirchenmusiker ist bodenständig«

Die Augsburger Domsingknaben feiern dieses Jahr ihren 40. Geburtstag. Ein guter Grund, sich mit dem Domkapellmeister Reinhard Kammler zum Gespräch zu treffen.

Sie arrivierten in all den Jahren selbst zum gefragten Musiker. Was hat Sie in Augsburg gehalten?

In der Tat verlassen Musiker oft ihren Heimatort und machen andernorts Karriere. Der Kirchenmusiker ist da bodenständiger. Ich bin gebürtiger Augsburger, liebe meine Heimatstadt und freue mich, daß ich zum kulturellen Gewicht Augsburgs etwas beitragen kann. So eine Aufgabe läßt man nicht im Stich. Das von Dr. Stimpfle damals in mich gesetzte Vertrauen ist mir bis heute Verpflichtung.

Das gesamte Interview hier.
Photo: © Augsburger Domsingknaben


Hinweis auf neue CD: »A DEO CORONATUS – Mittelalterliche liturgische Gesänge der Aachener Krönungs- und Wallfahrtskirche«

Gregorianische Gesänge aus der Krönungsliturgie der deutschen Könige, Kaiserlaudes »Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat«, Gesänge vom Fest der hl. Lanze, Gesänge zur Heiligtumsfahrt, Wallfahrergruß an das Gnadenbild »Ave Maria Kaiserin«

Ausführende: SCHOLA CAROLINA Aachen | 16-seitiges Booklet mit Text, Übersetzung und vielen Informationen | Edition SINFONIA SACRA e.V. – Aachen – EDSISACD20161 – Gesamtspieldauer: 78 Min., € 12,- (+ Versand).

A Deo coronatus – Von Gott gekrönt – Der Aachener Dom als Krönungskirche der deutschen Könige. Fast 600 Jahre war Aachen die Krönungsstätte der deutschen Könige. Im Aachener Dom, der Pfalzkapelle Karls des Großen, wurden von 936 bis 1531 dreißig deutsche Könige und zwölf Königinnen gekrönt. Die Inbesitznahme des Thrones Karls des Großen legitimierte die Herrschaft des neuen Königs. Das Titelbild der CD zeigt den von Gottes Hand gekrönten Otto III. An der Reichskrone (2. Hälfte 10. Jh.), die zu den Reichskleinodien zählt, findet sich auf der Emailplatte mit Darstellung des thronenden Christus der Spruch aus dem Alten Testament: »Per me reges regnant« – »Durch mich regieren die Könige« (Spr 8, 15).

Die Kaiserlaudes – Laudes regiae »Christus vincit« entstanden in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts im Frankenreich. Von ihnen gab es verschiedene Varianten. Sie gehörten jedoch nicht zu den »Ordines« der Königskrönungen, sondern waren verbunden mit der Anwesenheit eines vom Papst zum römischen Kaiser gekrönten deutschen Königs in anderen liturgischen Feiern. Auch in ihnen manifestiert sich die transzendente Verbindung zwischen der Herrschaft Christi und der des christlichen Regenten.

Das »Fest der heiligen Lanze und der Nägel vom Kreuz des Herrn«, früher besonders in Aachen, Nürnberg und Prag begangen, wird heute nur noch in Bamberg gefeiert. Die hl. Lanze, Passionsreliquie und Reichsinsignie, gehört zu den Reichskleinodien der deutschen Könige und der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und wird im Reichskreuz aufbewahrt. Auf Bitte Kaiser Karls IV. wurde das »Fest der heiligen Lanze und der Nägel vom Kreuz des Herrn« durch Papst Innozenz VI. 1354 in Deutschland und Böhmen eingeführt und am Freitag nach der Osteroktav gefeiert, besonders in Aachen und Nürnberg. Später entwickelte sich aus diesem Fest die Herz Jesu-Verehrung.

Die Aachener Heiligtumsfahrt zieht seit dem 14. Jahrhundert unzählige Pilger an, die in Aachen vor allem die von Karl dem Großen gesammelten textilen Reliquien – Kleid Mariens, Windeln Jesu, Enthauptungstuch Johannes des Täufers und Lendentuch Christi – aufsuchen, welche mit der Menschwerdung Gottes in der Person Jesu Christi und seiner Passion in engstem Zusammenhang stehen.

Der Wallfahrergruß an das Aachener Gnadenbild, das in Aachen beliebte Marienlied »Ave Maria Kaiserin«, geht auf ein aus dem 15. Jahrhundert stammendes Pilgerlied zurück, dessen Text noch heute an einem alten Wachtturm des Aachener Landgrabens zu lesen ist, an dem die Wallfahrer zu den altehrwürdigen Aachener Heiligtümern vorbeigezogen sind. Die CD präsentiert die liturgischen Gesänge dieser Feiern nach mittelalterlichen Handschriften des Aachener Domarchivs.

Ausführliche Informationen unter www.schola-carolina.de
Bestellung: hier


Liturgie für Kinder

Für ein Jahrtausend oder länger sind die Kinder katholischer Familien so in die Liturgie hineingewachsen, wie sie auch in alle anderen Lebenstätigkeiten und -umstände ihrer Eltern hineingewachsen sind: Durch Dabeisein, spielerisches – d. h. oft auch unkonzentriertes und manchmal „störendes“ – Mitmachen, durch Mitplappern und Nachahmen, andere Fragen und selbst Nachdenken. Wenn sie dann das „Alter der Vernunft“ erreicht hatten, wußten sie, „daß Jesus in der Kommunion ganz zu mir kommt“ - und das hielt oft ein ganzes Leben lang.

Im „Zeitalter der Vernunft“ ist die Vorstellung, so etwas in einer geeigneten Umgebung einfach wachsen zu lassen, völlig unerträglich – die Liturgie wird zielgruppengemäß designed und für Kinder didaktisch aufbereitet, bis nichts mehr davon übrig geblieben ist. Vielleicht sind die mit großem Einsatz (und unter völliger Verkennung all dessen, worauf es wirklich ankommt) „gestalteten“ Kinderliturgien ein Hauptgrund dafür, daß die überwiegende Mehrzahl der Kinder, die damit traktiert wurden, später als Erwachsene nie wieder den Fuß in eine Kirche setzen – außer zu gelegentlichen Traungs- oder Beerdigungsritualen, zu denen sie sich dann musikalische Begleitung durch ihre Lieblingssongs wünschen. Mehr...


Institut St. Philipp Neri – St. Afra – Berlin: Kirchenmusiker Jonas Wilfert und die Hill-Orgel


Domkapellmeister Kammler im α-Forum: »Ich betreibe katholische Jugendarbeit«

Reinhard Kammler ist seit 1976 Leiter der damals neugegründeten Augsburger Domsingknaben, einem der bedeutendsten deutschen Knabenchöre. Seit 1995 ist er auch Augsburger Domkapellmeister.

Im Gespräch mit Maximilian Maier, 26.09.2016


Der deutsche Eigenritus

Wir haben in Deutschland ein Problem. Ein Problem?, wird ein kritischer Geist fragen. Nun ja, eins nach dem andern…

Während seit dem zweiten Vatikanum eine in Teilen überhastete und in Teilen nicht so ganz am Ewigen orientierte Liturgiereform die Heilige Messe dem Glauben, dem Willen, der Frömmigkeit und der Fähigkeit des Priesters unterworfen hat [...], hat ein Teil des hochwürdigen Standes beschlossen, in Deutschland statt dem NOM (novus ordo Missae [...]) eine eigene Form einzuführen, den novus ordo teutonicorum. Passenderweise ergibt dies die Kurzbezeichnung „NOT“, und das ist ein sprechendes Kürzel, sowohl im Englischen als auch im Deutschen.

Nachdem ich in der letzten Zeit viel unterwegs war und meine heimatliche außerordentliche Form nicht besuchen konnte, wurde mir mal wieder schlagartig bewußt, wieso an der vieldiskutierten Liturgie so viel hängt, und warum wir keineswegs traditionalistische Spalter und Ewiggestrige sind, wenn wir die Zukunft der Kirche in der „Alten Messe“ sehen. Es gibt viele Menschen, die allergisch darauf reagieren, wenn man den Fehler in der Meßform selbst ausfindig gemacht haben will. Das kann ich sehr gut verstehen. Schließlich ist die ordentliche Form des römischen Ritus eben das, die ordentliche, allgemeine Form der heiligen Messe für römisch-katholische Christen, die nicht das Glück haben, den mozarabischen oder ambrosianischen oder dominikanischen oder sonst einen Ritus feiern zu dürfen, der die Tendenz zur Vereinheitlichung überlebt hat.  Mehr....


Ora et labora in Umbrien

Italien liegt auf der Grenze zwischen zwei tektonischen Platten und wird darum häufig von Erdbeben erschüttert. Die Mitte des Landes ist besonders oft betroffen. Am 24. August 2016 traf es auch eines der ältesten Klöster des Abendlandes in Nursia (Norcia), der Geburtsstadt des hl. Benedikt.

Die dortigen Benediktinermönche leben nach der strengen Observanz der Regel und feiern die heilige Liturgie in der außerordentlichen Form des römischen Ritus. Die Benediktiner von Nursia benötigen weltweite finanzielle Unterstützung, um die Reparaturen v.a. an der Basilika und den Ausbau des Klosters durchführen zu können. Ein Spendenaufruf (PDF).


Die Orgel von Notre-Dame de Paris

Dokumentation Frankreich 2015 | arte

Die Orgel der Kathedrale Notre-Dame de Paris ist eine der kostbarsten und komplexesten Orgeln der Welt. Im 19. Jahrhundert wurde sie von dem berühmten Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll restauriert – und er machte daraus sein Meisterstück.

In der Sendung führt Olivier Latry, einer der vier amtierenden Organisten der Notre-Dame de Paris tief hinein in das Innerste der Orgel. Die Führung findet nachts statt, denn nur dann können Organisten ungestört spielen: Eine Erfahrung der besonderen Art, denn das menschenleere Bauwerk bringt die Klangkraft und die Eleganz des Instruments besonders zur Geltung.


Juditha triumphans – Venedig, Vivaldi und die Belagerung von Corfu

Die Belagerung von Korfu vor 300 Jahren lebt heute musikalisch weiter. In der Form eines christlichen Oratoriums verewigt Venedigs berühmtester Komponist den Sieg seiner Heimat über die Türken.

Juditha triumphans ist Vivaldis Vermächtnis einer christlichen Republik, die weniger durch ihr Militär, als durch ihren Kunstsinn als Mythos fortbesteht. Mehr...


Stiftskapellmeister, Kirchenkomponist, Kanoniker – Michael Haller (1840-1915)

Begleitband zur Ausstellung in der Bischöflichen Zentralbibliothek Regensburg zum 100. Todestag – 2015

Michael Haller gilt als ein Hauptvertreter des Regensburger Cäcilianismus. Mit seinen Kompositionen, Editionen und musiktheoretischen Lehrwerken vermittelte der Stiftskapellmeister und Kanoniker an der Alten Kapelle zu Regensburg die Ziele des Cäcilienvereins in überzeugender Weise weit über die Bistumsgrenzen hinaus. Hallers am polyphonen Satzideal orientierte Werke wurden als beispielhaft betrachtet und brachten ihm den Titel »Palestrina des 19. Jahrhunderts« ein. Der Ausstellungskatalog beleuchtet die Herkunft und Kindheit des aus Neusath in der Oberpfalz stammenden Haller, seine Schulzeit im Internat des Benediktinerklosters Metten, seine Ausbildung zum Priester, seine Tätigkeit als Stiftschorregent und als Herausgeber alter Vokalpolyphonie, stellt die Frage, ob die Bezeichnung »Palestrina des 19. Jahrhunderts« zu Recht besteht, geht den verlegerischen Aktivitäten des Regensburger Verlags Friedrich Pustet in Sachen Haller nach und stellt die Privatbibliothek des Jubilars vor. Beiträge von Camilla Weber, Dieter Haberl, Raymond Dittrich, Siegfried Gmeinwieser, Rosemarie Weinberger. 192 Seiten, zahlreiche s/w- und Farbabbildungen, ISBN 978-3-7954-3063-4, € 15,-


Archive of recorded church music

Preserving a unique & priceless heritage of recordings from traditional choirs ​​singing in the English cathedral tradition from 1902 to the present day

The recording of choirs, both great and small, has a long and illustrious history, stretching way back to 1902. For in October of that year St Andrew's, Wells Street, London became the very first choir to issue a gramophone record. This momentous occasion marked the beginning of over a hundred years of recording which continues to the present day. These recordings, from both Anglican & Roman Catholic choirs, are part of our cultural and musical heritage. The raison d'etre of the Archive is to preserve them for future generations, from the very earliest to the latest new release. In the fullness of time the Archive will be left to a musical or educational institution. Some of the greatest treasures in the Archive are from small independent labels or private on-off recordings. These private recordings were often made by the choirmaster or enthusiastic amatures armed with a tape recorder. The Archive also houses a large collection of Radio and TV broadcasts; such as BBC Choral Evensongs, Services, Concerts and Documentaries. An extensive collection of commerial DVDs, together with Film, Radio & TV based dramas, are also held in the Archive.

Webseite


Beethovens Credo

Ludwig van Beethovens Verhältnis zur Religion ist ein endloses Thema. Gesichert ist: der Komponist stand der Amtskirche äußerst skeptisch gegenüber.

Kirchgänge sind so gut wie keine verbürgt. Eine Anekdote erzählt, noch auf seinem Sterbebett hätte Beethoven nach Erhalt des Sterbesakraments ironisch applaudiert – und verwies damit auf Kaiser Augustus‘ berühmtes „Plaudite amici, comedia finita est!“ Mittlerweile konnte diese Erzählung zwar widerlegt werden,* aber sie entspricht dem Bild, das bezüglich des Meisters der großen europäischen Sinfonien kursierte. Josef Haydn, praktizierender Katholik und eifriger Rosenkranzbeter sollte seinen talentiertesten Schüler gar einen „Atheisten“ schimpfen. Mehr...


Aachens Domkapellmeister a. D. Prälat Dr. Rudolf Pohl 65 Jahre Priester

Der ehemalige Domkapellmeister von Aachen (1964-1986) und langjährige Präsident der „Consociatio Internationalis Musicae Sacrae“ (CIMS), Rom, Prälat Dr. Rudolf Pohl, feiert am 2. Juli 2016 sein 65jähriges Priesterjubiläum.

Der Priestermusiker wurde am 5. November 1924 in Aachen geboren, wo er von 1933 bis 1942 als Domsingknabe unter dem legendären Domkapellmeister Prof. Theodor Bernhard Rehmann in die großartige Welt der Musica sacra eingeführt wurde. Nach Abitur, Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft studierte er in Paderborn, Frankfurt a. M. und Bonn sowie am Aachener Priesterseminar Theologie und Philosophie. Am 2. Juli 1951, dem Fest Mariä Heimsuchung, empfing er im Aachener Dom aus der Hand von Diözesanbischof Johannes Joseph van der Velden die hl. Priesterweihe. Nach dem plötzlichen Tod seines Lehrers und Vorgängers Rehmann im Oktober 1963 wurde Pohl von Bischof Johannes Pohlschneider im April 1964 die Gesamtleitung des Aachener Domchores übertragen, den er dann endgültig in die klassische liturgische Besetzung mit Knabenoberstimmen zurückführte. Zur Sicherung des Nachwuchses an Singknaben und als Wiederbegründung einer jahrhundertelangen Tradition richtete Pohl 1960 die Domsingschule, eine private katholische Grundschule für Jungen, ein. Pohl schuf in systematischer, musikalisch, theologisch und pädagogisch qualifizierter und fundierter Aufbauarbeit einen Knabenchor, der die Aachener Dommusik weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt machte. Mehr zu Domkapellmeister Pohl...


»Die stärkste Heilkraft besitzt klassische Musik«

Herzerkrankungen: Welche Musik wirkt sich positiv aus? Während Lärm zu deutlichen Beeinträchtigungen von Herz und Kreislauf führen kann, ist wohlklingende Musik in der Lage den Blutdruck zu senken, die Herzfrequenz zu verringern und Herz-Kreislauf-Erkrankungen günstig zu beeinflussen.

»Die stärkste Heilkraft besitzt dabei klassische Musik«, unterstreicht der Herzspezialist und Organist Prof. Dr. med. Hans-Joachim Trappe vom Vorstand der Deutschen Herzstiftung. Der folgende Beitrag erläutert, welche Auswirkungen verschiedene Musikstile auf den menschlichen Körper haben. Mehr...


Die gläubige Begegnung mit Gott im Hinblick auf die Musica Sacra

von Prof. Johann Sengstschmid

Eine innere Voraussetzung für die gläubige Begegnung mit Gott liefert uns das 1. Buch der Könige, wo über Elija am Berg Horeb berichtet wird (Kap. 19, 11-13). Dort steht zu lesen: "... Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat heraus und stellte sich an den Eingang der Höhle. Da vernahm er eine Stimme, die ihm zurief ...".

Auf die Musik übertragen läßt sich daraus schließen: Nicht in rhythmischer Vitalität mit körperlicher Bewegungsherausforderung findet die Gottesbegegnung statt, sondern in einem Musikstil, von dem es etwa in der 3. Durchführungsinstruktion (1970) heißt: "... Obwohl die Kirche bei den liturgischen Handlungen keine Art von sakraler Musik ausschließt, so ist jedoch nicht jede Art von Musik, Gesang oder Instrumenten in gleicher Weise geeignet, den Gebetsgeist zu fördern ... Um die Frömmigkeit zu fördern und zu viel Lärm zu vermeiden, mögen die Musikinstrumente sorgfältig ausgewählt werden ...", wobei dieser Text dem inneren Sinn nach auf den heiligen Papst PIUS X. zurückgreift, der 1903 in seinem Motu proprio "Inter pastoralis officii", dessen Inhalte die Liturgiekonstitution des 2. Vatikanischen Konzils bekräftigte, das Folgende formulierte: "Die Kirchenmusik muß also die besonderen Eigenschaften der Liturgie besitzen, vor allem die Heiligkeit und Güte der Form; daraus erwächst von selbst ein weiteres Merkmal, die Allgemeinheit. Die Kirchenmusik muß heilig sein; daher muß alles Weltliche nicht allein von ihr selbst, sondern auch vor der Art ihres Vortrages ferngehalten werden. Sie muß ferner den Charakter wahrer Kunst besitzen, sonst vermag sie nicht jenen Einfluß auf die Zuhörer auszuüben, den sich die Kirche verspricht, wenn sie die Tonkunst in die Liturgie aufnimmt. Sie soll auch allgemein sein, d. h. die einzelnen Völker dürfen wohl in den kirchlichen Weisen gewisse Formen anwenden, die gleichsam die Eigentümlichkeiten ihrer Musik bilden; diese Formen müssen aber dem allgemeinen Charakter der Kirchenmusik derart untergeordnet sein, daß kein Angehöriger eines anderen Volkes beim Anhören derselben einen unangenehmen Eindruck empfängt."

Es kommt also auf ein der Zucht unterworfenes und für alle - wirklich für alle, ob Kind oder Greis, ob In- oder Ausländer, ob Weißer, Gelber, Roter oder Schwarzer - also auf ein für alle nicht anstößiges, würdiges Musizieren an, so wie die dem Gebetsgeist zugeordnete Körperhaltung ein geduldiges Verharren, ein gemessenes Schreiten, Stehen, Sitzen und Niederknien und nicht pulsierende Bewegungen beinhaltet. Ein Bedürfnis nach Innerlichkeit kennt kein ekstatisch erregtes Beschwören der Gottheit, wie es sich uns in afrikanischen Kulturen darbietet, und meidet alles Laute, Grelle, Sensationelle, das gesteigerte Reizbedürfnis, das den Leib Erregende u.a.m.

Wer voll Andacht das Gebet, das Gespräch mit Gott, sucht, benötigt innere Sammlung, und diese wird gestört, wenn die Beine, die Arme, der Kopf, ja der ganze Körper unwillkürlich zum rhythmischen Mitwippen herausgefordert werden und deren Unterlassung einen Willensakt erfordert. Daher sei man kritisch gegenüber einem Kirchenmusikstil, der nicht aus dem Fortführungsprozeß des organischen Werdens und Reifens des durch die Jahrhunderte hin Lebendigen (nach Kardinal Joseph Ratzinger) resultiert, sondern der seine Wurzeln im Spiritual, im Jazz, sowie in der Orff-Nachfolge hat. Zudem steht man durchaus auf dem Boden des 2. Vatikanischen Konzils, denn in dessen Liturgiekonstitution heißt es im Artikel 23: "Schließlich sollen keine Neuerungen eingeführt werden, es sei denn, ein wirklicher und sicher zu erhoffender Nutzen der Kirche verlange es. Dabei ist Sorge zu tragen, daß die neuen Formen aus den schon bestehenden gewissermaßen organisch herauswachsen."

Wird also im Gottesdienst ein Kirchenmusikstil, der, wie oben beschrieben, seine Wurzeln im Spiritual, im Jazz, sowie in der Orff-Nachfolge hat, zu Gehör gebracht, vertreibt er häufig jene, die sowohl die Kontinuität des von Kindheit an gepflegten Glaubenslebens als auch eine Atmosphäre der Andacht suchen, und Suchende sind nicht nur "die Alten", sondern das sollten alle sein, vom Kind bis zum Greis. Mehr...


2016 – Wenn das "Fest Mariä Verkündigung" auf den Karfreitag fällt

'This doubtful day of feast or fast': Good Friday and the Annunciation

This year Good Friday falls on Lady Day, the feast of the Annunciation. This is a rare occurrence and a special one, because it means that for once the day falls on its 'true' date: in patristic and medieval tradition, March 25 was considered to be the historical date of the Crucifixion. It happens only a handful of times in a century, and won't occur again until 2157.

These days the church deals with such occasions by transferring the feast of the Annunciation to another day, but traditionally the conjunction of the two dates was considered to be both deliberate and profoundly meaningful. The date of the feast of the Annunciation was chosen to match the supposed historical date of the Crucifixion, as deduced from the Gospels, in order to underline the idea that Christ came into the world on the same day that he left it: Mehr...


Kirchenmusik – eine Geschmacksfrage? Anmerkungen zur liturgischen Praxis

von Dr. Johannes Laas

Im überlieferten Ritus erscheint es undenkbar, daß etwa – wie es bisweilen in der Neuen Messe geschieht – zur Lesung aus dem „Kleinen Prinzen“ vorgetragen würde. Bunte Kerzen am Altar, farbige Altartücher oder eine regenbogenfarbige Stola des Priesters sind in diesem Rahmen schlicht nicht vorstellbar. Meßgewänder aus Jeansstoff, ein Kelch aus Keramik oder Glocken, eingespielt von einer CD – all dies erschiene Kennern und Liebhabern der Alten Messe wohl als liturgische Entgleisung. Wie aber kommt es, daß im Hochamt häufig eine Musik zu hören ist, die wenig oder keinen Bezug zur Liturgie hat? Daß etwa im Sommer zur Kommunion eine Orgelparaphrase von J. S. Bach über ein mehr oder weniger bekanntes Adventslied erklingt, an Ostern mit Geigen Musik aus Filmen oder an Weihnachten gar aus dem „Requiem“ eines bekannten englischen Musicalkomponisten?

Auf Nachfrage erhält man manchmal die Antwort: „Es ist halt eine Geschmacksfrage.“ Ist sie das wirklich, die Kirchenmusik – bloß eine Frage des Geschmacks? Gelten für sie keine oder weniger Regeln als etwa für die Lesungen, die Meßgewänder oder den Altarschmuck? Diese Auffassung ist tatsächlich weit verbreitet, nicht nur im Rahmen der Neuen Messe.

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»Was Karl der Große für sein Volk, für das Reich, für Europa getan hat, ist uns Ansporn und Vorbild für unsere heutige Verantwortung, Christus nichts vorzuziehen«

Vor 850 Jahren, am 29. Dezember 1165, wurde Karl der Große heiliggesprochen. Heilige sind keine vollkommenen Menschen. Sonst wären König David, der Apostelfürst Petrus und der Völkerapostel Paulus keine Heiligen. „Was Karl der Große für sein Volk, für das Reich, für Europa getan hat, ist uns Ansporn und Vorbild für unsere heutige Verantwortung, Christus nichts vorzuziehen“ (Erzbischof Jean-Claude Périsset).

Im Juli dieses Jahres konnte das 800jährige Jubiläum des Aachener Karlsschreines gefeiert werden. Seine Fertigstellung erfolgte unter dem Stauferkönig Friedrich II. Am 25. Juli 1215, dem St. Jakobustag, wurde Friedrich II. in der Pfalzkirche Karls des Großen, dem heutigen Aachner Dom, zum König des Heiligen Römischen Reiches gekrönt. Zwei Tage später, am 27. Juli 1215, vollendete er mit dem Hammerschlag jenen Schrein, der fortan die sterblichen Überreste des großen Frankenherrschers bergen sollte. Der Aachener Karlsschrein ist zweifellos der bedeutendste Herrscherschrein des christlichen Abendlandes. Denn in ihm ruhen die Gebeine des Begründers des abendländischen, christlichen Kaisertums.

Die Entstehung des Aachener Karlsschreines steht in einem engen Zusammenhang mit der Heiligsprechung Karls des Großen, die Kaiser Friedrich I. Barbarossa 500 Jahre vor der Fertigstellung des kostbaren Schreines veranlaßt hatte. Die Kanonisation war – wie übrigens auch die Überführung der „heiligen drei Könige“ aus Mailand nach Köln – ein Ausdruck für die staufische Kaiseridee. Diese muß im historischen Kontext des Konfliktes zwischen Papst und Kaiser im Mittelalter gesehen werden, der gerade in der Stauferzeit seinen Höhepunkte erlangt hat. Bereits wenige Jahrzehnte nach der Kanonisation, also noch in der zweiten Hälfe des 12. Jahrhunderts, bildete sich eine eigene Karlsliturgie heraus. Mehr...


Warum der Teufel Kirchenmusik haßt

Geistliche Musik erreicht die Tiefe unserer Seele und weckt in uns die Sehnsucht nach dem Himmel, schreibt der katholische Autor Philip Kosloski. Viele Menschen seien im Lauf der Jahrhunderte durch die Kirchenmusik näher zur Kirche gekommen, ergänzt er. Musik habe die Fähigkeit, an der Vernunft vorbei direkt das Innerste der Seele anzusprechen und den Menschen zu Gott zu erheben. Das möge der Teufel nicht, schreibt Kosloski. Mehr...

www.philipkosloski.com/why-the-devil-hates-sacred-music/


Eine prachtvolle Potemkinsche Kirche - St. Cassian in Regensburg restauriert

Zu Beginn sei es ganz deutlich gesagt. Dem Stiftskapitel »U. lb. Frau zur Alten Kapelle« in Regensburg ist nicht genug zu danken, daß man sich trotz der immensen sonstigen finanziellen Belastungen entschlossen hat, die Stiftspfarrkirche St. Cassian zu renovieren und damit den nicht mehr weit entfernten Verfall dieser bedeutenden Kirche wirklich im letzten Moment noch aufzuhalten. Der Dank gilt natürlich auch allen Institutionen, die mitgewirkt haben, nicht zuletzt auch allen edlen Spendern, vom großen Beitrag bis hin zum in ganz anderer Weise hochwertigen »Scherflein der Witwe«.

Großartig ist das Konzept der Renovierung nicht zuletzt aufgrund seiner Behutsamkeit. So hat man nicht mit einer neuen »Originalfassung« alles überrumpelt, sondern die Fassung der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts als maßgeblich bestehen lassen, vieles nur gereinigt, wo notwendig neu gefaßt, die Fresken mit dem Hl. Cassian im Heilsplan Gottes und mit den alttestamentlichen Vorbildern Mariens im Mittelschiff, der Vita des Patrons St. Cassian im Nordschiff und der Geschichte der Kirche im Südschiff wieder zum Leuchten gebracht. Die Altäre durften ihre alte Fassung weitgehend behalten, leuchten aber, von jahrzehntealtem Schmutz befreit, nun wieder milde. Auch die bisherige Orgel durfte – Gott sei Dank – wieder ihren Platz in ihrem markanten geteilten neubarocken Gehäuse einnehmen. Ein Instrument aus der Regensburger Orgelbauwerkstatt Martin Binder & Sohn von 1908, mit einer wieder voll funktionierenden pneumatischen Taschenlade, mit einer original erhaltenen romantischen Disposition, erstellt von Peter Griesbacher (starkes 16‘ und 8‘ Fundament, tiefe 2 2/3-Mixtur usw., feines Echo-Werk, und – nicht zuletzt – ein pneumatisch betriebenes Kalkanten-Glöckchen!), darf wieder klingen.

Hier hat man allein auf dem Boden der »Alten Kapelle« in Regensburg offensichtlich die letzten Jahrzehnte viel dazugelernt. Als man in den 90er Jahren an die Renovierung dieser Stiftsbasilika ging, wurde die von vielen so geschätzte Fassung der 30er Jahre in Bausch und Bogen verworfen zugunsten einer – halt wieder einmal so erachteten – originalen Fassung, die zumindest die Basilika heute ungleich prächtiger, aber auch ungleich kälter erscheinen läßt, als sie die alten frommen Regensburger gewohnt waren. Auch die Orgel aus den 70er Jahren wurde später zugunsten des heute als »Papst-Orgel« bekannten neuen Mathis-Instruments ersetzt. Heutige Auffassung traut da dem Stilempfinden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts offensichtlich wieder viel mehr zu als noch vor wenigen Jahren und Jahrzehnten. (Vielleicht tut hier eine nicht mehr ganz so dicht gewobene finanzielle Decke durchaus auch Gutes!) Soweit hätte die Renovierung von St. Cassian zu einer riesigen Erfolgsgeschichte werden können.

Doch nun zum Problem, das einem die Freude weitgehend raubt. In St. Cassian hatte bis zur Renovierung das gesamte Interieur seine ihm zukommende Aufgabe und seinen Sinn behalten. Der Hochaltar, der zentrale Blickfang für jeden, der die Kirche betritt, den man 1908 nach dem originalen Dirrschen Rokoko-Modell anstelle eines neuromanischen Purifikations-Interims perfekt rekonstruieren ließ, dieser Hochaltar war täglich mindestens einmal der »liturgische Ort« der Eucharistiefeier, am rechten Seitenaltar wurde ebenso noch manchmal zelebriert, die Kommunionbank lud den einen oder anderen zum knieenden Kommunionempfang ein, usw. Gerade die geniale, elegante und charmante Gestaltung der Kommunionbank, die sich lediglich mit Unterbrechung durch die beiden östlichen Säulen vom linken Seitenaltar mit seinem Vesperbild vorbei an den Staffeln des Hochaltars bis hinüber zum rechten Seitenaltar mit Leinbergers Schöner Maria schlängelt, ist zwar erhalten, aber seit kürzester Zeit klobig, klumpig, unkultiviert verklotzt und letztlich unbrauchbar geworden.

Man ahnt die Ursache: Wieder einmal wurde eine Kirche durch die Neuschaffung der »liturgischen Orte«, d. h. Ambo, Altar und Sedilien, brutal verunstaltet. Niemand, der die Cassianskirche auch nur einigermaßen verstanden hat, oder sie sogar liebt, kann verstehen, wie so etwas geschehen konnte. Nun steht also auf dem früher wohltuend zu empfindenden relativ großen Platz vor der ersten Bank hin zum Kommuniongitter ein durchaus mit einer etwas seltsamen Gefriertruhe zu verwechselnder Klotz, in unbarmherzigem Weiß ausgeführt mit seinem Zubehör Ambo und Sitze. Mit diesem, in jeder Asterix-Inszenierung als Druidenstein zu gebrauchenden »Volksaltar«, hat man das Gegenteil zu allem gesucht, was in dieser Kirche schon da war. Man hat alles, was man mit so viel Verstand in dieser 885 ersterwähnten Kirche gerettet und erneuert hat, optisch, kunsthistorisch und theologisch abgewatscht vom feinsten. Man hat die Altäre und die Kommunionbank außer Betrieb gestellt, wie eine alte Dampflok vor dem grauslichen neuen Bahn-Gebäude stehen lassen und in dieser Kirche etwas inszeniert, was all das Schöne, das diese Kirche uns aus anderen Zeiten herüberschenkt, zur Attrappe, eben zum Potemkinschen Dorf werden lassen. Wie kann es dazu kommen?

Nun, nicht nur in der Regensburger Diözese, nein fast überall erkennt man bei Kirchenrenovierungen bis hinaus in die kleinsten Dorfkirchen einen blinden aber unbändig scharrenden Maulwurfseifer beim »Einpressen« von – fest verankerten – Volksaltären. Man fühlt förmlich den Druck bei den hauptamtlichen Renovateuren der Bistümer, »kurz vor 12« noch ihr unbarmherziges Tun vollenden zu können. Da erzählt man sich von Pfarrgemeinderäten und Kirchenverwaltungen, die für ihre tolle Dorfkirche kein Drahtgestell, keinen Druidenstein, keine Plexiglas-Täuschung wollen, die aber von bischöflichen Bau- und Kunstkommissionen niedergemacht werden; der Volksaltar wird dann mit Bistumsgeld bezahlt und der Gemeinde aufoktroyiert.

Soll man also in St. Cassian schon ein Gold gesponnen habendes Rumpelstilzchen aus der gehobenen Diözesanverwaltung vermuten: »Heute back ich, morgen brau ich, und übermorgen liefere ich den Stein, den die Kanoniker dann umspringen dürfen?« Ich glaube nicht. Auch wenn mir die Hintergründe zur Finanzierung dieser voll verunglückten »Altarlösung« wirklich egal sind, so vermute ich doch, daß die Alte Kapelle die Verunstaltung ihrer Pfarrkirche selber bezahlen durfte. Beim Geldfluß zur übrigen Renovierung könnte eventuell der eine oder andere Hinweis auf die »Unumgänglichkeit einer liturgischen Neuorientierung« schon meinungsbildend gewesen sein. Doch noch einmal: das kann einem von Herzen wurscht sein.

Viel bedenklicher erscheint mir die liturgiegeschichtliche Ignoranz, die bis heute brav weiter am Leben gehalten wird, die von Berufsmodernisten im Priester- und Laienstand mit unendlich Geld im Koma weitergefüttert wird, obwohl sie längst hinüber ist. Hört denn keiner auf das, was Joseph Ratzinger schon im »Fest des Glaubens« geschrieben hat? Ignorieren alle Verantwortlichen das, was Papst Benedikt XVI. in diesem Zusammenhang nicht müde wurde einzuklagen? In der einen Kirche sich mit einer »Papst-Benedikt-Orgel« zu dekorieren, die liturgischen Herzensanliegen desselben Papstes in der zweiten Kirche aber derart bös abblitzen zu lassen, ist der Gipfel der Unehrlichkeit. Würde das Sitftskapitel und viele andere doch wenigstens einmal das kleine Büchlein von Uwe Michael Lang »Conversi ad Dominum«, dem Kardinal Ratzinger ein so positives Geleitwort mitgegeben hat, wohlwollend lesen, würde man sich mit der Cassians-Altarlösung wohl in Grund und Boden schämen. Resümee der gar nicht mehr so neuen Forschung und dieses Büchleins ist doch die Entlarvung des Volksaltares als historische Fehlinterpretation, als gesetztes Konstrukt einerseits der reformatorischen Zeit und andererseits liturgischer Schwarmgeister des 19. und 20. Jahrhunderts.

Ich meine, die Begründung dürfte noch einfacher sein. Das Kapitel zur Alten Kapelle galt immer als ein Hort des gerade Gestrigen. Und so wird wohl die Mehrheit der derzeitigen Kanoniker sich noch mit Wonne an eine Jugend mit Burg-Rothenfels-Erfahrungen erinnern, auch mit handverdecktem Kichern erinnern an die ersten verstohlenen Messen »versus populum« damals 1963 mit der KAB-Jugend (natürlich noch verboten), sich erinnern wie man siegreich den armen alten Heimatpfarrer zu einer Primizmesse »zum Volke hin« drängte, sich erinnern an die Aufbruchsstimmung nach dem Konzil, usw. usw. Und so pflegt das Stiftskapitel halt wieder einmal das Gestrige.

Wie ehrenvoll, wie super und klasse wäre es gewesen, wenn man einmal wirklich die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Altargeschichte gewürdigt hätte, wenn man sich entschieden hätte, eine Kirche in der Stadt so zu belassen, wie sie war, wenn man den frommen Regensburgern, die St. Cassian so geliebt haben, wie es eben war, nicht eine vor den Latz geknallt hätte, ihnen ihre Kirche best renoviert wieder geschenkt hätte, anstatt sie einem liturgischen Umerziehungsprogramm übelster Sorte zu unterwerfen, wenn, wenn,... Die Kirche von Regensburg hätte ihre »Alte Kapelle« nicht mehr verstanden, vielleicht aber bewundert. Und im übrigen: da rettet auch eine eigens aus Brixen über die Alpen gebrachte Cassiansreliquie im Volksaltar die Situation nicht mehr. Die Cassianskirche hatte schon längst eine Reliquie ihres Patrons in einem schönen Ostensorium; warum dann eine weitere? »The show must go on«? Oder wollte man mit dem Heiligenknöchelchen bei den Kritikern des neuen Altars auf fromme Zurückhaltung schinden? Bei der Erhebung der Cassiansreliquien durch den Brixener Bischof Dr. Ivo Muser zum Zweck der »Gewinnung« einer Reliquie für Regensburg heuer im Sommer, fand es bemerkenswerter Weise kein Kanoniker der Alten Kapelle für wert, in Brixen dabei zu sein. »Braucht’s net« war immer ein gängiges Axiom im Stiftskapitel.

Ja, vielleicht müssen wir auf eine Zeit warten, da eine neue Kanonikergeneration die Cassianskirche wieder herrichtet, wie sie sich gehört, weil sie souverän über den irrigen Ansichten über die heutigen »liturgischen Orte« steht, die aber dann irgendetwas anderes – dann auch Gestriges – zum großen Programm erhebt. Wir werden es sehen.

Ein alter Liebhaber der Cassianskirche in Regensburg

Bericht hier. – Photo © SISA e.V.


Anton Bruckner zur Ehre der Altäre erheben

Anton Bruckner (1824-1896), der im katholischen Sinn tiefgläubige Kompositionsmeister aus Ansfelden in Oberösterreich, erst Sängerknabe im nahegelegenen Stift St. Florian, später Stiftsorganist daselbst, dann Domorganist in Linz und schließlich Musikprofessor und Hoforganist in Wien schuf ein quantitativ wie qualitativ gewaltiges Œuvre an geistlichen und weltlichen Kompositionen der verschiedenen Musikgattungen. In besonderem Maße ragen seine Sinfonien und seine geistliche Vokalmusik mit oder ohne Instrumentalbegleitung hervor.

In dem gerade im Augsburger Dominus-Verlag erschienenen Buch von Prof. Dr. Adelheid Geck, Musikpädagogin, Musikwissenschaftlerin und Schülerin des Berliner Komponisten Max Baumann (1917-1999), arbeitet die Autorin in übersichtlicher Weise das Leben Bruckners und seine Wirkung auf die Zeitgenossen heraus und führt in ansprechender und leicht verständlicher Sprache in ausgewählte Werke Bruckners ein. Im Vordergrund steht dabei weniger der musikhistorische Kontext als vielmehr die Frömmigkeit des Meisters, die zur eigenen Suche nach beglückender Gotteserfahrung Hilfestellung sein kann. »Es gibt wohl keinen anderen Komponisten des 19. Jahrhunderts, der so fest in einer erlebten herzenstiefen Frömmigkeit wurzelte, dem Gebet, Beichte, Sakrament und Bekenntnis in so einem hohen Maße Lebenselement waren«, bemerkt der Musikwissenschaftler Friedrich Blume. Ein Schüler Bruckners erinnert sich: »Manchmal geschah es, daß der Meister, zurückgelehnt in seinem Stuhl, regungslos dasaß. Erst glaubte ich, er dächte über seine Komposition nach, mit der Zeit aber fiel mir auf, daß mir immer bei diesem Zustand eine Glocke auf der nahen Votiv-Kirche läutete: Bruckner betete.«

Geck beginnt mit der Darstellung der Person des Komponisten in Berichten von Biographen, in Deutungen und Urteilen, um dann zu einer Begegnung mit seinen kirchenmusikalischen Werken der St. Florianer und Linzer Zeit (Windhaager Messe; Afferentur regi virgines; Ave Maria; Libera me; Messe Nr. 2 e-moll) und den orchestralen Kompositionen und geistlichen Chorwerken der Wiener Zeit (Sinfonien; Psalmvertonungen; Motetten »Os justi«, »Tota pulchra es«, »Virga Jesse«, »Christus factus est«, »Ecce sacerdos«, »Vexilla regis«, »Locus iste«; Te Deum) hinzuführen und zu versuchen, ihre spirituelle Tiefe zu erfassen. So kann man mit Recht Bruckner als »Vorbeter« bezeichnen, der »demütige Anbetung« mit »hochjauchzendem Lobgesang« verbindet.

Die Autorin scheut auch nicht davor zurück, ihre persönlichen Ereignisse und Glaubenserlebnisse mit der Musik Bruckners einzuflechten und lädt ein, die Musik »dieses außergewöhnlichen Komponisten mit heiligmäßigem Lebensbild«, aus tiefem Gebet entstanden, mitzubeten. Ihr kommt es »auf eine noch höhere Ehrung und Verehrung des begnadeten, deutlich erkennbar von Gott beauftragten Komponisten Anton Bruckner an« (S. 194). Sie fragt und antwortet sogleich: »Ist Bruckner in seinen Werken und in seiner Gebetswelt nicht selbst in seiner Person die Verbindung zum Allmächtigen? Er, […], der im Erklingen seiner musikalischen Schöpfungen uns mit sich nimmt auf den Weg zu Gott? Ja, und das ist die Berufung eines Heiligen« (S. 195/196).

Folgerichtig regt Geck die Seligsprechung Anton Bruckners an und hat dafür auch schon prominente Unterstützung gewonnen. Ihr Buch ist sowohl eine wertvolle Hinführung zur Entdeckung oder Wiederentdeckung des Meisters, seiner Werke und des Heiligen, also Gottes, in seiner Musik, als auch ein publizistischer Vorstoß, um für eine Kanonisation dieses künstlerischen Menschen einzutreten. Geck hat hier die ersten Schritte für einen solchen Prozeß getan. Es wäre zu wünschen, daß die Quelle ihrer Anregung sich zu einem breiten, mächtigen Strom entwickelt.

Adelheid Geck: Demütige Anbetung – hochjauchzender Lobgesang, Anton Bruckner als Vorbeter. Augsburg: Dominus-Verlag, 2015, 240 Seiten, ISBN 978-3-940879-43-1. 14,95 €.


Petrus Alamire - Musik in Bilder gefaßt

Im Rahmen des "Festivals von Flandern" zeigt die Antwerpener Kathedrale noch bis zum 22. November eine prächtige Ausstellung mit Kaligraphien und Musikbüchern des Notenkopisten Petrus Alamire, der einer Nürnberger Kaufmannsfamilie entstammt. Alamire schuf während der Renaissance wunderbare handschriftliche Notenblätter zu polyphoner Musik.
 
Petrus Alamire (*um 1470 in Nürnberg, + 26. Juni 1536 in Mechelen), der eigentlich Peter Imhoff hieß, ist dieses Jahr die zentrale Figur des Festivals von Flandern in Antwerpen. Jedes Jahr finden bei diesem Festival auch die Tage der polyphonischen Musik statt, doch diese „Laus Polyphoniae“ genannte Konzertreihe hat zum ersten Mal keinen Komponisten als zentrale Figur, sondern mit Petrus Alamire einen Musikkopisten. Er schuf Bücher und Kaligraphien von ganz besonderer Schönheit zu einer Zeit, in der die Buchdruckerkunst noch in den Kinderschuhen steckte. Mehr...

Alamire Foundation - Internationaal centrum voor de studie van de muziek in de Lage Landen


»Abendländische Musik ist etwas Einzigartiges, ohne Entsprechung in anderen Kulturen«

Dankesworte von Benedikt XVI., Papa emeritus, zur Verleihung des Ehrendoktorats der Päpstlichen Uni Johannes Paul II. und der Musik-Akademie von Krakau (Polen), Castel Gandolfo, 4. Juli 2015

Eminenz! Magnifizenzen!
Sehr verehrte Herren Professoren! Meine Damen und Herren!

In dieser Stunde kann ich nur ein großes Wort herzlichen Dankes sagen für die Ehre, die Sie mir mit dem Doctoratus honoris causa geschenkt haben. Mein Dank gilt besonders dem Großkanzler, der lieben Eminenz Kardinal Stanisław Dziwisz, und den akademischen Autoritäten der beiden Akademischen Institutionen. Ich freue mich vor allem, daß auf diese Weise meine Verbindung mit Polen, mit Krakau, mit der Heimat unseres großen heiligen Johannes Paul II. noch tiefer geworden ist. Denn ohne ihn ist mein geistlicher und theologischer Weg nicht denkbar. Er hat uns auch durch sein lebendiges Beispiel gezeigt, wie die Freude an der großen Kirchenmusik und der Auftrag zur gemeinsamen Teilnahme an der heiligen Liturgie, wie die festliche Freude und die Einfachheit der demütigen Feier des Glaubens miteinander gehen können.

An dieser Stelle war ja ein uralter Gegensatz in den Jahren der Nachkonzilszeit mit neuer Leidenschaft aufgebrochen. Ich selber bin im Traditionsraum von Salzburg aufgewachsen. Die festlichen Messen mit Chor und Orchester gehörten ganz selbstverständlich zu unserem gläubigen Erleben der Liturgie. Es bleibt mir unvergessen, wie zum Beispiel mit den ersten Klängen der Krönungsmesse von Mozart irgendwie der Himmel aufging und die Gegenwart des Herrn ganz tief zu erleben war. Aber daneben war doch auch schon die neue Welt der Liturgischen Bewegung gegenwärtig, besonders durch einen unserer Kapläne, der später Subregens und Regens in Freising wurde. In meinem Studium in München bin ich dann durch die Vorlesungen von Professor Pascher, einem der bedeutenden Konzilsexperten, und vor allem durch das liturgische Leben in der Seminargemeinschaft ganz konkret in die Liturgische Bewegung hineingewachsen. So wurde langsam die Spannung zwischen der der Liturgie gemäßen participatio actuosa und der die heilige Handlung überwölbenden festlichen Musik spürbar, auch wenn ich sie noch nicht allzu stark empfunden habe.

In der Liturgie-Konstitution des II. Vatikanischen Konzils steht ganz klar der Satz: „Der Schatz der heiligen Musik muß mit größter Sorge bewahrt und gefördert werden“ (114). Auf der anderen Seite steht die Betonung der participatio actuosa aller Gläubigen am heiligen Geschehen als liturgische Grundkategorie im Text. Was in der Konstitution noch friedlich beieinander ist, ist dann in der Rezeption des Konzils in eine oft dramatische Spannung zueinander getreten. Maßgebende Kreise der Liturgischen Bewegung waren der Meinung, die großen Chorwerke und gar die Orchester-Messen hätten in Zukunft nur noch Raum in den Konzertsälen, nicht in der Liturgie. In ihr könne nur das gemeinsame Singen und Beten aller Gläubigen Platz haben. Auf der anderen Seite war da das Erschrecken über die kulturelle Verarmung der Kirche, die damit verbunden sein mußte. Wie läßt sich beides zusammenbringen? Wie ist das Konzil in seiner Ganzheit zu verwirklichen – das waren die Fragen, die sich mir und vielen anderen Gläubigen, einfachen Menschen wie theologisch Gebildeten, aufdrängten.

Weiter Quelle:

http://de.radiovaticana.va/news/2015/07/04/die_ansprache_von_benedikt_xvi_-_volltext/1156064


»O CAMISIA PURPURATA« – Die mittelalterlichen liturgischen Gesänge der Aachener Heiligtumsfahrt

Die Aachener Heiligtumsfahrt, eine der bedeutendsten und größten Wallfahrten der Christenheit neben den Wallfahrten nach Jerusalem, Rom und Santiago di Compostela, zieht seit Jahrhunderten unzählige Pilger an, die in Aachen vor allem die textilen Reliquien aufsuchen, die mit der Menschwerdung Gottes in der Person Jesu Christi und seiner Passion in engstem Zusammenhang stehen. Neben den drei kleinen Heiligtümern sind dies vor allem die vier großen Heiligtümer - Kleid Mariens, Windeln Jesu, Enthauptungstuch Johannes des Täufers und Lendentuch Christi -, die als Zeichen der Nähe Gottes zu den Menschen sowohl in privater Andacht als auch im liturgischen Ritus verehrt werden.

Von der Musik der römisch-katholischen Liturgie, die zur kultischen Feier der Zeigung der vier großen Heiligtümer im mittelalterlichen Aachen gesungen wurde, handelt dieses Buch. Es möchte dazu beitragen, daß diese altehrwürdigen gregorianischen Gesänge mit ihren höchst qualitätvollen Texten in der Muttersprache der römisch-katholischen Kirche - in Latein - auch heute wieder in der liturgischen Praxis der Heiligtumsfahrt erklingen können.

TUNGER Michael: "O CAMISIA PURPURATA" - Die mittelalterlichen liturgischen Gesänge der Aachener Heiligtumsfahrt bei der Weisung der vier großen Heiligtümer und der Verehrung der Reliquien Karls des Großen; Herkunft, Übersetzung und Transkription, Softcover, 102 Seiten, 1 s/w und 1 Farbabbildung, ISBN 978-3-945289-01-3, Aachen 2014, Edition SINFONIA SACRA e.V.  Bestellung hier.


Julius van Nuffel (1883-1953): Statuit ei Dominus, op. 30 (1924),
für vier- bis sechsstimmigen Chor und Orgel


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